Sonntag, 2. April 2017

Westfälische Bankiers und Banker

Von Ralf Keuper

Westfalen ist bis heute als Bankplatz kaum in Erscheinung getreten, was aber nicht unbedingt von Nachteil sein muss, wenn man die aktuellen Umwälzungen der Branche, genannt seien die Schlagworte Fintech und Blockhain, berücksichtigt. Die großen Finanzzentren Deutschlands waren dort, wo auch die Handelsströme zusammenliefen und eine vergleichsweise hohe Bevölkerungsdichte gegeben war, wie im Rheinland, Berlin und Frankfurt. Heute streiten sich Berlin und Frankfurt darum, wer die neue "Fintech-Hauptstadt" Deutschlands ist. 

Trotz der genannten wirtschaftsgeographischen und demografischen Nachteile sind einige namhafte Bankiers und Finanzinstitutionen aus Westfalen hervorgegangen. Die bekanntesten Bankiers mit westfälischen Wurzeln sind zweifelsohne die Warburgs, die noch heute in Hamburg die Privatbank M.M. Warburg & CO betreiben. Ihren Familiennamen verdanken sie der Stadt Warburg im heutigen Kreis Höxter. Inzwischen sind die Familie Warburg und die Stadt Warburg dabei, ihre Beziehungen zu vertiefen bzw. wieder aufzunehmen, wie es in Warburgs besuchen Warburg heisst. 

Ein weiterer wichtiger Bankier war Hermann Paderstein, der in Paderborn die Firma Paderstein & Söhne gründete. Als sich abzeichnete, dass der Aufschwung der Industrie im benachbarten Bielefeld einen entsprechenden Kapitalbedarf bei den Unternehmen hervorrufen würde, gründete Paderstein das Bankhaus Paderstein, das, wie Hartmut Wixforth in Aufstieg und Niedergang des Bankhauses Paderstein in Ostwestfalen darlegt, für lange Zeit die erste Bank am Platze bleiben sollte.
In Paderborner Geldinstitute vom 18. Jahrhundert bis 1945 erwähnt Gerhard Hohmann neben Paderstein noch weitere Händler und Geldwechsler, die später zu Bankiers wurden. Hohmann nennt u.a. Bartholomäus Craß: 
Ein bedeutender Paderborner Bankier des 18. Jahrhunderts war Bartholomäus Craß, 1676 geboren als Sohn des Johann Craß aus Wiedenbrück und der Anna Maria Gleseker aus Paderborn. Er heiratete 1709 Anna Maria Wilkotte aus Paderborn. Craß handelte mit Waren verschiedenster Art, in der Hauptsache mit Wolle, und beschickte jährlich die großen Messen in Frankfurt am Main und Leipzig. Mit seinem eigenen Vermögen von 6000 Reichstalern und dem ebenso großen seiner Frau errichtete er 1716 nahe dem Paderborner Rathaus das Haus Schildern Nr. 5, das heute der Sparkasse dient. ... Craß hatte 54 446 Reichstaler ausgeliehen, vor allem an den Adel des Landes, aber auch an das Hochstift 9346 Reichstaler, an die Stadt Paderborn 1550, an Offiziere und Beamte, Domherren, Weltgeistliche, Bürger, Handwerker und Bauern aus Paderborn und seiner Umgebung.
Aus Minden stammt ein weiteres bedeutendes Bankhaus, das seinen Sitz später nach Bielefeld verlegte und zu den größten Privatbanken Deutschlands zählt: Das Bankhaus Lampe, das sich heute im Besitz der Familie Oetker befindet. Auf Wikipedia erfahren wir über die Gründung:
Am 1. Oktober 1852 gründete der 24-jährige Hermann Lampe das Unternehmen als Bank- und Speditionsgeschäft in Minden. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Gründungen von Aktiengesellschaften begleitet, Obligationen platziert und erste Kontakte ins Ausland geknüpft. Lampe verunglückte 1877 tödlich. Das Bankhaus wird daraufhin von seinem angestellten Mitarbeiter Carl Siebe und dessen Vetter Wilhelm Wegener übernommen. Deren Söhne Wilhelm Siebe und Karl Wegener übernahmen die Firma im Jahr 1917.
Keine Bankiers im eigentlichen Sinne, gleichwohl im Geldgeschäft tätig, waren die Kaufleute der Hanse, wie Tidemann Lemberg aus Dortmund: 
Er vergab Kredite an den Papst in Avignon, er belieferte die englische Festung Bordeaux mit Lebensmitteln. Lemberg galt einerseits als skrupellos und gewinnsüchtig, machte aber andererseits, so wie die Kölner Patrizierfamilien Scherffgin, Lyskirchen und Overstolz, den Kartäusern große Schenkungen. Deren Kirche in Köln war der heiligen St.Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, geweiht (Quelle: Wikipedia)
Ein bedeutender Bankier war Johann Heinrich von Olfers, der u.a. Oberbürgermeister von Münster war.  Er führte am Prinzipalmarkt das Bankhaus Lindenkampff & Olfers. Weiterhin erfahren wir:
Er gehörte 1835 zu den maßgeblichen Gründern und zum Vorstand des Vereins der Kaufmannschaft von Münster. Der Verein trat auch kommunalpolitisch als Interessenvertretung der Kaufmannschaft auf. Darüber hinaus vertrat er gemäßigt bürgerliche Reformvorstellungen [Anm. 4]. Auch dem Civilclub, einer weiteren Schnittstelle der Kommunalpolitik, gehörte Olfers an [Anm. 5]. Er war über die Stadt hinaus einer der einflussreichsten Politiker Westfalens in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Er war Mitglied des Westfälischen Provinziallandtags. Als solcher gehörte er 1847 und 1848 dem Vereinigten Landtag an.
In Die Famillien Olfers und Lindenkampf schreibt Wilfried Reininghaus:
Das Bankhaus wurde vom Juristen Franz Hermann Lindenkampf um 1780 unter der Firma F. H. Lindenkampf & Co. gegründet. Sein Hauptzweck war zunächst der Handel mit Wechseln im Hinterland von Amsterdam und Nordsee. Stiller Teilhaber und Kompagnon war der spätere Bankier Niedick. 1798 trat Lindenkampfs Schwager Franz Theodor Olfers gleichberechtigt in das Bankhaus ein .. Das Bankhaus F. H. Lindenkampf & Co. bzw. Lindenkampf & Olfers hatte seine größte überregionale Bedeutung in den letzten Jahren des Ancien Regime. Insbesondere Fürstbischof Max Franz bediente sich der Fähigkeiten der Inhaber Lindenkampf bzw. Olfers, Kapitalien zu sammeln, um seinen enormen Kreditbedarf zu decken.
Im 20. Jahrhundert wurden die Privatbanken zunehmend von Aktienbanken und Universalbanken an den Rand gedrängt, wie von der Disconto Bank und der Deutschen Bank. Der Gründer der Disconto Bank, David Hansemann, verbrachte seine Lehrzeit im Handelsgeschäft von Ferdinand und Johann Daniel Schwenger in Rheda. Ein Lehrling des erwähnten Bankhauses Paderstein in Bielefeld, sollte später Direktor und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank werden: Max Steinthal. Der Deutschen Bank zeitlebens auf engste verbunden und mit dem Titel "Mister Deutsche Bank" ausgezeichnet, war F. Wilhelm Christians aus Paderborn. Christians war zunächst zusammen mit Wilfried Guth und später dann mit Alfred Herrhausen Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Danach übte er noch mehrere Jahre das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank aus. Bis vor einiger Zeit im Vorstand der Deutschen Bank war Rainer Neske aus Münster, der heute Vorstandsvorsitzender der Landesbank Baden-Württemberg ist. Ellen-Ruth Schneider-Lenné, die erste Frau im Vorstand der Deutschen Bank, machte einen wichtigen Karriereschritt während ihrer Zeit in der Filiale Hamm. In Münster wohnte bis zu seinem Lebensende Ludwig Poullain, der langjährige Vorstandschef der WestLB. Für Aufsehen sorgte Poullain mit seiner noch immer lesenswerten Ungehaltenen Rede. Alfred Herrhausen, der legendäre Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der wie keiner vor und nach ihm die gesellschaftspolitische Debatte in Deutschland beeinflusst hat, stammte aus Essen und war einige Jahre, während seiner Zeit als Vorstand der VEW, in Dortmund wohnhaft. 

Lange Zeit galt die Westfalenbank in Bochum als eine der ersten Adressen der deutschen Wirtschaft, bis sie in den 1970er Jahren aufgrund geschäftspolitischer Fehlentscheidungen an den Rand des Ruins geriet. 

Für eine der größten Bankenpleiten in Deutschland der letzten Jahrzehnte war Ferdinand-Josef Graf von Galen (mit-)verantwortlich. 

Höchst umstritten ist ein weiterer Banker aus Westfalen: Georg Funke, der letzte Chef der Hypo Real Estate Holding AG. 

Aus Iserlohn stammt der Chef der Postbank, Frank Strauß

Weitere Informationen:

Geschichte des Bankplatzes Bielefeld

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