Donnerstag, 31. Dezember 2015

Emsinsel Warendorf: Zukunft ungewiss

Von Ralf Keuper

Die Zukunft der Emsinsel bewegt seit einiger Zeit die Gemüter in Warendorf. Seitdem die Textilfirma Brinkhaus die Produktion an ihrem alten Standort in der Warendorfer Innenstadt eingestellt hat, ist die Diskussion um die passende Nutzung der Fläche im vollen Gange, ohne jedoch einem Kompromiss dabei näher gekommen zu sein. 

Erster größerer Wurf war die Dokumentation der Planwerkstatt zur städtebaulichen Neuordnung des Werksgeländes der Brinkhaus GmbH & Co. KG in Warendorf. Darin entwarfen die Autoren u.a. folgendes Szenario: 
Von der Dreibrückenstraße aus bildet ein neues Gebäudeensemble den Auftakt für die Bebauung auf der Emsinsel. Im Zusammenspiel mit dem denkmalgeschützten Bürogebäude in preußischem Repräsentationsstil umfasst ein Gebäude für Sondernutzungen den neuen Brinkhausplatz. Unterschiedliche Nutzungen, ein Hotel, der Verkehrsverein, Gastronomie, kleine Einzelhandelseinheiten mit einem spezialisierten Warenangebot insbesondere in den Erdgeschosszonen, Dienstleistungseinheiten, wie Arztpraxen, Büros und Wohnungen in den Obergeschossen schaffen ein angemessenes Entree unter Berücksichtigung der hervorragenden Lage dieses Standortes, einen lebendigen Baustein der Stadt, ein Platz mit urbaner Qualität.
Weiterhin stellten die Autoren fest:  
Aus kultureller Sicht ist die Industriegeschichte der Emsinsel als Werksgelände der Textilfirma Brinkhaus für Warendorf von herausragender Bedeutung. Mehr als 120 Jahre wurde an diesem Standort Industriegeschichte geschrieben, zeitweise fanden im Textilwerk Brinkhaus bis zu 1000 Beschäftigte Arbeit. Dieses kulturelle Erbe sollte auch nach Umnutzung der Emsinsel erfahrbar bleiben.
Was an dem Werksgelände, abgesehen von dem Pförtnerhäuschen und vielleicht noch dem Verwaltungsbau aus dem Jahr 1879, aus industriegeschichtlicher Sicht so erhaltenswert sein soll, erschließt sich mir nicht wirklich, was durch folgende Passage mehr oder weniger bestätigt wird:
Der bauliche Zustand der vorhandenen Substanz ist vom Erhaltungsgrad her als heterogen zu bezeichnen. Während die in den 1980er Jahren zuletzt hinzugekommenen Gebäude in gutem Erhaltungszustand sind, jedoch wegen ihrer spezifischen Nutzungsausrichtung kaum für eine Nachnutzung infrage kommen, sind die älteren Gebäude aufgrund unterlassener Sanierung, wegen eindringender Feuchtigkeit und auch durch Vandalismus überwiegend in sehr schlechtem Zustand. Bezüglich ihrer innenräumlichen Qualitäten und des z. T. zweigeschossigen Aufbaus sind einzelne der älteren Gebäude möglicherweise für eine Nachnutzung instandsetzbar bzw. umbaubar. Dies würde im Einzelfall eine sorgfältige Untersuchung der technischen Voraussetzungen und der finanziellen Sanierungsrisiken voraussetzen.
Die Reaktionen auf den Werkstattbericht fielen, sagen wir mal, recht verhalten aus. Mittlerweile herrscht, so weit ich sehen kann, weitgehende Einigkeit darüber, dass die Emsinel für eine Bebauung im großen Stil ungeeignet ist, wie u.a. aus dem Beitrag Auf „Emsinsel“ keine Neubauten rentabel? hervorgeht. Die Errichtung des Hippologicums, einer Erlebniswelt zum Thema Pferd, ist ebenfalls vom Tisch. Ohne öffentliche Zuschüsse ist das Projekt an dem Standort nicht realisierbar. 


Statt von einer kulturell und industriegeschichtlich wertvollen Emsinsel ist nur noch von der Industriebrache Emsinsel die Rede. Kritisch zu den Plänen, die Emsinsel großflächig zu bebauen, äußerte sich der Heimatverein Warendorf in Kurze Geschichte der Emsinsel. Der Heimatverein plädiert für die Renaturierung der Emsinsel, wie in Arbeitskreis Emsinsel - Arbeitsgruppe ohne Nutzungsvorgaben. Zwischenbericht in der öffentlichen Veranstaltung am 27.05.2014 im Rathaus. Darin werden fünf Vorschläge für die weitere Nutzung präsentiert.

Der Lösung ein gutes Stück weiter gekommen wäre man, wenn die Stadt den Zuschlag für die Landesgartenschau 2017 bekommen hätte. Stattdessen darf sich Bad Lippspringe über die Ausrichtung freuen. Mittlerweile hat man die Landesgartenschau 2023 ins Auge gefasst. Die Stadt hat diese Chance allein schon wegen ihrer Schönheit verdient.

Stand heute erscheint mir das als einziger Ausweg bzw. als letzte Hoffnung. Nur über ein Projekt wie das einer Landesgartenschau kann eine Stadt wie Warendorf eine Industriebrache dieser Größe einer neuen, zeitgemäßen und "nachhaltigen" Nutzung zuführen. Ohne öffentliche Mittel vom Bund, vom Land oder der EU, in welcher Form letztendlich auch immer, wird es jedenfalls nicht gehen. Aus eigener Kraft wird es die Stadt Warendorf kaum schaffen. Da fehlen Politiker wie Heinrich Windelen, Friedrich Vogel, Jürgen W. Möllemann oder Richard Winkels.  

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Klinker - Meilenstein der Architektur

Von Ralf Keuper

Der Klinker, oder auch Ziegel, ist ein Naturprodukt, das in Westfalen, und hier vor allem im Münsterland, ein bevorzugter Baustoff ist. Der sehenswerte Film Klinker - Meilenstein der Architektur zeigt die (Erfolgs-)Geschichte und Vielseitigkeit des Klinker. Darin kommt u.a. MARTa in Herford als Beispiel für die kreative Verwendung des Klinker vor. 


Von besonderer Bedeutung ist der sog. Münsterländer Kohlebrand, über den es bei Wikipedia heisst:
Den Münsterländer Kohlebrand charakterisieren klassische Klinkertöne mit markanten Kohlebrandwülsten oder leichten, rußigen Schmauchfahnen auf der Brennhaut. Zur Herstellung werden regional abgebaute Tonerden aus dem Münsterland und echte Ruhrgebietskohle verwendet. Das Brennverfahren hat sich mit dem Beginn der Industrialisierung durchgesetzt. Der Münsterländer Kohlebrand prägt die Fassaden zahlreicher Industriebauten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ein Beispiel ist die Zeche Zollern in Dortmund. Die einstige fürstbischöfliche Residenz „Schloss Münster“ und das ehemalige Staatsarchiv Münster, jetzige Abteilung Westfalen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, sind mit Klinkern des charakteristischen Kohlebrandes verblendet.
Vor einiger Zeit beobachtete man mit Sorge, dass in Münster und im Münsterland Klinkerfassaden immer häufiger durch Putzbauten verdrängt werden

Die Klinkermanufaktur Janinhoff sorgt indes dafür, dass der Putz - nicht nur in Westfalen -  sein Revier nicht über Gebühr ausdehnt. Löblich. 



Sonntag, 27. Dezember 2015

Großhandel für Schreib- und Papierwaren Gebr. Wippenhohn - Wirtschaftsgeschichte zum Anfassen

Von Ralf Keuper

Viel zu oft noch begehen wir den Fehler, die Wirtschaftsgeschichte an großen, börsennotierten Unternehmen und/oder Konzernen festzumachen. Dabei geht die Bedeutung der vielen kleinen und mittelständischen Betriebe für die Gesellschaft allzu häufig unter. Sicher - in Sonntagsreden wird gerne auf das Rückgrat der deutschen Wirtschaft - den Mittelstand oder  die "Hidden Champions" - hingewiesen. Den Ton geben jedoch sowohl in den Medien wie auch in der Politik die großen Unternehmen an. 

Die Wirtschaft in Westfalen ist wie in nur wenigen Regionen Deutschlands von mittelständischen Unternehmen geprägt, die oftmals über mehrere Generationen geführt werden. Um so einen Fall handelt es sich bei dem Schreib- und Papiergroßhandel Gebr. Wippenhohn im Harsewinkeler Ortsteil Greffen im Kreis Gütersloh. Wie die Tageszeitung Die Glocke berichtet, stellt das 1926 als Rheinisch-Westfälische Füllhalterfabrik in Bonn gegründete Unternehmen zum Jahresende seinen Betrieb ein. Alle 25 Mitarbeiter haben bereits einen neuen Job, fünf von ihnen fangen bei Herwig und Herkt aus Osnabrück an, das den Kundenstamm übernommen hat. 

Im Jahr 1928 verlegten die Unternehmensgründer Wilhelm und Martin Wippenhohn ihren Betrieb von Bonn nach Greffen, um dort zunächst die Produktion von Füllfederhaltern fortzuführen. 

Zur Geschichte des Unternehmens wie auch zu seinem Verkaufsschlager, dem Füllfederhalter Rifka, schreibt Walter Werland in Aus Greffens alten Tagen:  
Es war im Jahre 1924, als der Hauptlehrer August Schlickmann .. eine GmbH zur Auswertung eines beabsichtigten Patents ins Leben rief. Er wollte einen Füllhalter konstruieren, der statt der Goldfeder einen Metallstift hatte. Mit diesem Halter sollte man vor allem Durchschriften gut anfertigen können. 
Gleichzeitig hatte er die Idee, einen Holzhalter mit einer >Tintenzunge< anzufertigen, die beim Eintauchen soviel Tinte aufnahm, dass man mit dieser Menge eine ganze Aktenseite beschriften konnte. Dieser Halter stand unter dem Musterschutz mit dem Namen >Fix<. Der später von dem Greffener Unternehmen auf den Markt gebrachte Füllhalter erhielt den Namen >Rifka<. Begründet lag dieser ungewöhnliche Name in der Tatsache, dass damals (1921 bis 1926) die freiheitliebenden berberischen Rifkabylen im Kampfe gegen Frankreich unter Abd el-Krim und in späteren Einzelaktionen gegen Spanien und Frankreich ihr ungebrochenes Unabhängigkeitsstreben bewiesen. ..

Als Fachmann wurde Wilhelm Wippenhohn aus Bonn gewonnen, der bei der Firma Soennecken gelernt hatte und dann mit seinem älteren Bruder Martin 1922 (hier weichen die Angaben des Autors und der Gebr. Wippenhohn oHG voneinander ab) eine "Rheinisch-Westfälische Füllhalterfabrik" in Bonn eröffnet hatte." 
Der Füllfederhalter genießt unter Liebhabern schönen Schreibgeräts noch immer hohes Renommee. 

Gründe für die Firmenaufgabe sind laut den letzten Firmeninhabern, Wilhelm und Ferdinand Wippenhohn, ihr fortgeschrittenes Alter (63 und 67 Jahre), die Tatsache, das aus dem Kreis der Familie kein Nachfolger bereit stand und natürlich auch die veränderte Marktlage als Folge der Verbreitung des Online-Handels. 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Heinz Rühmann - Weihnachten & Weihnachtsgeschichte

Heinz Rühmann, in Wanne-Eickel aufgewachsen, liest Weihnachten von Eichendorff und die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas. 


Weitere Informationen: 

Heinz Rühmann: Kindheit in der Gaststätte

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Das Dorf lebt!?

Von Ralf Keuper

Das Dorf hat momentan keinen leichten Stand. Die Zukunft, so scheint es, liegt allein in den Metropolen. Ländliche Regionen, die Provinz, die Peripherie können da bestenfalls als Rückzugsgebiete noch Charme entfalten. Dabei lebte noch um 1900 der Großteil der Bevölkerung in Deutschland auf dem Land, und noch immer hält es erstaunlich viele in überschaubaren Gemeinschaften, wie den Dörfern. 

Der Film Das Dorf - Landleben früher gibt einen guten Einblick in das Leben auf dem Lande während der letzten hundert Jahre. 




Das Dorf ist jedenfalls deutlich zählebiger, als viele Zukunftsforscher annehmen. Mit der Verbreitung des Breitband, durch steigende Mieten und Immobilienpreise in den Städten, könnte das Dorf durchaus wieder regen Zulauf finden. Stadt und Land, dieser Ansicht dürfte wohl nicht nur Gerhard Henkel sein, sind gleichwertig

Die Digitalisierung könnte gar zu einer Renaissance der Regionen führen

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Samstag, 19. Dezember 2015

Untergegangene Unternehmen aus Westfalen: Weserhütte

Von Ralf Keuper

Das 1844 im heutigen Bad Oeynhausen gegründete Eisenwerk Weserhütte erlebte während des zweiten Weltkriegs als Rüstungshersteller seine erste große Blüte. In der Nachkriegszeit machte das Unternehmen als einer der führenden Hersteller von Baggern von sich reden. 

In den 1950er Jahren beschäftige das Unternehmen über 2.000 Mitarbeiter. Der Niedergang des Unternehmens setzte in den 1970er Jahren ein. Im Jahr 1980 ging die Weserhütte in die neu firmierte PHB Weserhütte AG auf. Hauptsitz des Unternehmens war fortan Köln. Im Jahr 1987 ging die PHB Weserhütte in Konkurs. Einige Monate vorher wurde der langjährige PHB-Chef Peter Jungen von Otto Wolff in die Wüste geschickt. Den Aufsichtsratsvorsitz bei PHB übernahm der neue Chef des Otto-Wolff-Konzerns, Arend Oetker, Schwiegersohn von Otto Wolff von Amerongen. Neuer Vorstandssprecher wurde Heinz Berthold, der Ende November 1987 zusammen mit seinen Vorstandskollegen beim Amtsgericht Köln PHB Weserhütte zum gerichtlichen Vergleich anmeldete. Spätestens seit 1984 war Otto Wolff von Amerongen Mehrheitseigner der PHB Weserhütte AG. Zu der Zeit wurde die PHB Weserhütte noch als Perle des deutschen Maschinenbaus gehandelt. 

Über die Ursachen für den Niedergang der PHB Weserhütte schrieb das manager magazin in der Ausgabe 10/1987 ("Konzern ohne Zukunft"):
Für die am Lebensnerv rührenden Verluste bei PHB gibt es in den Augen von Otto Wolff nur einen Schuldigen: seinen ehemaligen Zögling Peter Jungen, der zunächst bei der Weserhütte und später bei PHB zwölf Jahre lang erfolgreich tätig war. Jungen, so Wolff und Oetker unisono, sei verantwortlich, weil das Controlling und die Auslandstöchter - zwei Drittel der PHB-Verluste waren in Frankreich und Österreich entstanden, in sein Ressort fielen. .. Das PHB-Desaster ist wohl eher auf die unverdaute Fusion zwischen der Otto-Wolffschen Weserhütte und der damaligen Arbed-Tochter PHB im Jahre 1980 zurückzuführen. Auch nach der Ehe existierten bis zum Schluss drei Fertigungsstandorte in Köln (Hafen), Oeynhausen (Tagebau) und Rohrbach (Hafen und Lagerplätze) - quasi Unternehmen im Unternehmen. Die Standortleiter, Vorstandsmitglieder mit voller Ergebnisverantwortung, eigenen kompletten Verwaltungen, untereinander nicht kompatiblen Rechnungswesen und überdimensionierter Fertigung kümmerten sich nur um den eigenen Beritt. Eine zentrale Projektsteuerung, Programmentwicklung und Fertigungstechnik fehlten, weil sich im Vorstand drei eifersüchtige Ingenieure gegenseitig blockierten. Wolff-Schützling Jungen, der PHB immerhin zu einem international führenden Anlagenspezialisten für das Handling von Massenschüttgütern aufgebaut hatte, konnte den Widerstand der Regionalfürsten nicht brechen. Zwar fuhr er die Fertigungskapazität seit der Fusion um mehr als die Hälfte herunter und funktionierte Köln zu einem Engineering-Standort um, doch das reichte angesichts des verfallenden Marktes nicht. Als PHB dann wie alle anderen Anlagenbauer durch Auftragsverschiebungen in ein riesiges Umsatzloch fiel, türmten sich die Verluste. ...
Zu allem Unglück kämpft PHB derzeit mit einer verheerenden Beschäftigungslage, der Auftragseingang hat sich mehr als halbiert. Obendrein belasten der seit zwei Jahren betriebene Ausstieg aus den Seilbaggern und die jetzt durchgedrückte Schließung des Fertigungsstandorts Oeynhausen die Kostenrechnung. Fehlende Deckungsbeiträge, fällige Sozialpläne und happige Bestandsabwertung addierten sich in diesem Jahr nach Ansicht von PHB-Insidern auf 80 Millionen Mark, mit weiteren 60 Millionen rechnen sie für 1988. 
Später verschwand auch der Otto Wolff - Konzern von der Bildfläche.

Heute erinnert nur noch wenig in Bad Oeynhausen an das Maschinenbauunternehmen. Auf dem Gelände des Unternehmens steht heute das Einkaufszentrum Werre Park

In den letzten Jahren sind einige Bücher über die Weserhütte veröffentlicht worden, darunter Weserhütte Bagger und Die Weserhütte. Aufstieg und Niedergang eines Unternehmens. Zum 125jährigen Bestehen erschien das Buch 125 Jahre Weserhütte. Portrait in Wort und Bild.

In dem Lokal Weserhütte in Bad Oeynhausen kann man sich zahlreiche Fotos aus der Geschichte der Weserhütte anschauen, die dort als Dauerleihgabe an den Wänden hängen, wie der Beitrag Bilder, Bagger, Erinnerungen zu berichten weiss. 

Die Brueghel-Familie: Die flämische Malerdynastie in Paderborn (Ausstellung)

Von Ralf Keuper

Es war eine eindrucksvolle Ausstellung, die in Paderborn in diesem Jahr zu sehen war und deren Gegenstand die flämische Malerdynastie der Familie Brueghel war. Die Resonanz in den Medien war durchweg positiv. 



Freitag, 18. Dezember 2015

Porzellan in Westfalen

Von Ralf Keuper

Wenn man von Fürstenberg absieht, das an der Grenze zu Westfalen liegt, hat es in unserer Region keine größere Porzellanmanufaktur gegeben. Dafür aber stammen einige Porzellanmaler, ja sogar einer der bedeutendsten Porzellan-Fabrikanten Deutschlands von hier. 

Philipp Rosenthal wurde 1855 als Sohn eines Porzellanhändlers in Werl geboren. Auf Wikipedia heisst es weiter:
Rosenthal wurde im väterlichen Betrieb ausgebildet und ging mit 18 Jahren in die USA, wo er nach einigen Hilfstätigkeiten zum Porzellaneinkäufer der Detroiter Porzellanimportfirma Jacob Meyer Brothers wurde. Auf seinen Geschäftsreisen stellte er bald fest, dass bemaltes Porzellan, wie es die amerikanische Firma suchte, Mangelware war. Deshalb beschloss er 1879, nach Deutschland zurückzukehren und eine Porzellanmalerei zu eröffnen. Er begann mit zwei Malern in Schloss Erkersreuth, wozu er Weißporzellan von der Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther im benachbartenSelb bezog. Der unerwartete Durchbruch gelang jedoch mit dem Aschenbecher „Ruheplätzchen für brennende Zigarren“.
Adalbert Niemeyer war ein gefragter Porzellanmaler:
Von ihm stammen zahlreiche Entwürfe für die Porzellan-Manufaktur Nymphenburg, die Porzellanmanufaktur Meissen und für Villeroy & Boch; außerdem für Richard Merkelbach, Höhr-Grenzhausen, und für die Karlsruher Majolika-Manufaktur. 
Eine der wenigen Manufakturen in Westfalen war die Porzellanmanufaktur August Roloff in Münster. Im Jahr 2014 widmete die Abtei Liesborn der Manufaktur eine Sonderausstellung

Im Jahr 2003 wurde in Münster ein Porzellanmuseum gegründet. Seit Ende 2011 sucht das Museum in Münster nach einem neuen Standort. Wer das Museum besuchen möchte, kann das derzeit virtuell auf der Seite Porzellanmuseum Münster.

In Bergkamen hat sich Erika Diehn ganz der Porzellanmalerei verschrieben. 

Schlauns vergessene Achse - Eine temporäre Raumskulptur. Das Haus Schücking in Sassenberg

Von Ralf Keuper

Im 17. und 18. Jahrhundert unterhielten die Münsteraner Fürstbischöfe in Sassenberg im Kreis Warendorf eine Residenz.
Besonders unter Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen (1650-1678) erlebte Sassenberg eine glanzvolle Zeit. Hier fanden Treffen mit fremden Fürsten, darunter Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, und diplomatische Verhandlungen statt. Entsprechend dem Zeitgeschmack wurde damals die Burg baulich erweitert und erhielt einen "Fürstengarten" mit Orangerie. Ein durchgreifender Ausbau wurde jedoch erst unter Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg 1698 in Angriff genommen. Das Hauptgebäude besaß nunmehr eine Länge von 90 m. Zwei Seitenflügel waren 47 m lang. Der Bau erfolgte nach den Plänen des Kapuzinerbruders Ambrosius von Oelde. Die Wohnräume wurden nach Entwürfen Gottfried Laurenz Pictorius' gestaltet, das Hauptgebäude jedoch nicht vollendet (Quelle: Das Bistum Münster. Band 1)
Im Jahr 1754 entstand das Haus Schücking, das von Johann Conrad Schlaun entworfen wurde. Auftraggeber war der Kanzler des Bistums Münster, Christoph Bernhard Schücking. Schlaun beließ es nicht bei dem reinen Bau, sondern schuf ein Gesamtkunstwerk, das die Gartenarchitektur ebenso einbezieht wie die Sichtachse zur gegenüberliegenden Kirche. Prominenter Bewohner war der Dichter und Journalist Levin Schücking


Weitere Informationen:

Historischer Tiergarten Sassenberg

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Elisabeth von der Pfalz - Fürstäbtissin des Reichsstifts Herford und Förderin der Wissenschaft

Von Ralf Keuper

Elisabeth von der Pfalz zählt zu den ungewöhnlichsten Frauen des 17. Jahrhunderts. Das nicht nur wegen ihrer adeligen, königlichen Herkunft, sondern vor allem auch aufgrund ihrer ausgedehnten Korrespondenz mit den führenden Geistern ihrer Zeit, darunter René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz.
Elisabeth von der Pfalz stand in ihren letzten Lebensjahren mit zwei der bedeutendsten Philosophen dieser Zeit in Verbindung. Mit dem Franzosen Malebranche und dem Deutschen Leibniz pflegte sie einen Briefwechsel. Philosophie und Theologie des Malebranche, der seine Lehre in dem Satz zusammenfaßte "Wir sehen alle Dinge in Gott", wiesen auf die Mystik, zu der sich Elisabeth hingezogen fühlte.
Sie war es, die Leibniz auf die "Christlichen Unterhaltungen" hinwies. Leibniz schrieb daraufhin an Malebranche, er habe sein Buch durch die Gunst der Prinzessin Elisabeth erhalten, einer Prinzessin, die ebenso berühmt sei durch ihre Wissenschaft wie durch ihre Geburt. Sie urteile sehr günstig darüber, wie ja in der Tat sehr viel Geistreiches und Gediegenes darin enthalten sei (Quelle: Internet-Portal "Westfälische Geschichte" Elisabeth von der Pfalz
Nach einigen Stationen gelangte Prinzessin Elisabeth von der Pfalz schließlich auf eigenen Wunsch nach Herford, wo sie als Fürstäbtissin des Reichsstiftes Herford eingeführt wurde. Ein Amt, das sie bis zu ihrem Tode ausübte. 

Auch in Herford hatte Elisabeth von der Pfalz an wissenschaftlichen Forschungen großes Interesse:
Das wissenschaftliche Interesse der Äbtissin war also auch in ihrem neuen Amte in Herford durchaus nicht erloschen. 1677 weilte bei der toleranten Fürstäbtissin als Gast der katholische Fürstbischof von Paderborn, Ferdinand von Fürstenberg. Aus seiner Feder stammen die "Monumenta Paderbornensia". In Begleitung des Bischofs befand sich der Wissenschaftler Nikolaus Schaten, der mit anderen Gelehrten der Gesellschaft Jesu die Annales Paderbornenses bearbeitete. Bereitwillig erhielten die Besucher für ihre gelehrten Forschungen Zutritt zum Stiftsarchiv. Nach Besichtigung des Reichsstiftes und des Stiftes auf dem Berge erhielt der Fürstbischof aus dem Münsterschatz zwei Armreliquien der Kaiserin Kunigunde und des Märtyrers Ambrosius als Abschiedsgeschenk (ebd.). 
Herford profitierte von dem Bildungs- und Forschungseifer der Prinzessin und Äbtissin besonders: 
Während der Regierungszeit der Äbtissin. Elisabeth wurde die Bibliothek der alten Abtei Herford um manche Kostbarkeit vermehrt. Die Beziehungen der gelehrten Prinzessin zu Wissenschaftlern und Theologen vieler Länder kamen ihr bei diesen Bestrebungen entgegen. Leider ist die bedeutende Bibliothek bei der Säkularisation der Fürstabtei Herford am Anfang des 19. Jahrhunderts völlig zugrunde gegangen (ebd.). 
Vor einigen Jahren wurde der Briefwechsel zwischen René Descartes und Elisabeth von der Pfalz als Buch veröffentlicht
In der Beschreibung heisst es:
Der Briefwechsel zwischen René Descartes (1596–1650) und Elisabeth von der Pfalz (1618–1680) gehört zu den eindrücklichsten philosophischen Dokumenten der Frühen Neuzeit. Die rund 60 erhaltenen Briefe, welche die junge Prinzessin und der berühmte französische Philosoph von Mai 1643 bis Dezember 1649 austauschen, zeigen auf engstem Raum die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und gedanklichen Umbrüche im Europa des 17. Jahrhunderts.
Trotz ihrer fruchtbaren Zeit in Herford hat sich bisher die Forschung noch nicht mit den Auswirkungen ihrer Arbeit auf das Stift Herford beschäftigt, wie Ute Küppers-Braun in ihrer Rezension des Buches Elisabeth von der Pfalz, Äbtissin von Herford, 1618-1680 festhält: 
Vielleicht ist im Verlust dieser Quellen einer der Gründe zu sehen, dass ein wesentlicher Aspekt der Biographie fehlt: Elisabeth und das Stift Herford. Man vermisst in dem vorliegenden Band sowohl einen Beitrag zu Elisabeths Tätigkeit als Regentin ihres kleinen Fürstentums bzw. als Vorsteherin ihres Kapitels als auch zur Einordnung der Gesamtinstitution in den Verfassungsorganismus des Alten Reiches. Wer eine solche Verortung von dem ersten Beitrag "Die Reichsabteien im Verfassungssystem des Alten Reiches" erwartet, wird enttäuscht. Wolgast referiert im Wesentlichen seine bekannten Ergebnisse im Hinblick auf die mittelalterliche und reformationszeitliche Reichskirche mit dem Schwerpunkt auf den von Männern besetzten Reichsklöstern, -abteien und Domkapiteln. Herford und die gerade in der Frühen Neuzeit zum Vergleich heranzuziehenden höchst interessanten anderen hochadeligen freiweltlichen Damenstifte (Essen, Gandersheim, Quedlinburg) bleiben bei Wolgast marginal, zumal er hier - wenn überhaupt Bezug genommen wird - nur Überblickswerke zugrunde legt; Thorn/NL, Vreden, Buchau, St. Ursula in Köln und Elten, das zeitweise vor Elisabeths Amtszeit in Personalunion mit Herford regiert wurde, werden gar nicht erwähnt.
Weitere Informationen:

Samstag, 12. Dezember 2015

Unser #Minden

Wer durch Minden geht, hat nicht selten den Eindruck, sich in einer Stadt zu befinden, die deutlich unter ihren Möglichkeiten bleibt. Dieser Ansicht sind auch Schülerinnen des Ratsgymnasiums, die sich einige Gedanken über ihre Stadt gemacht haben. 

Hoher Dom zu Paderborn im Abendrot (Film)

Der Paderborner Dom, Mittelpunkt der Stadt, aufgenommen von einer Drohne als der Tag sich im Abendrot senkte. 

Schloss Burgsteinfurt in Westfalen

Zwei virtuelle Rundgänge entlang am Schloss Burgsteinfurt, dem ältesten Wasserschloss Westfalens. 



"Grimms Albtraum. Annette von Droste-Hülshoff" Roman von Esther Grau

Von Ralf Keuper

Den meisten ist Annette von Droste-Hülshoff wohl aus der Schulzeit als Verfasserin der Judenbuche bekannt. Danach ebbt das Interesse für die Dichterin und ihr Werk für gewöhnlich ab; die Zahl der Begegnungen wird geringer - und wenn, sind sie eher zufällig. 
Über das Leben der Droste erfährt man eigentlich nur wenig, und wenn, dann eher bruchstückhaft, je nachdem, welcher Aspekt aus der Biografie dieser großen Dichterin beleuchtet werden soll. Es scheint, als könnte Annette von Droste-Hülshoff die doch recht engen Grenzen von Germanistik-Seminaren nicht überwinden. 

Da war die Veröffentlichung eines Romans, der sich dem Leben der westfälischen Dichterin widmet, eigentlich längst überfällig. Esther Grau setzt in Grimms Albtraum der Droste nun ein literarisches Denkmal. Darin begleitet der Leser Annette von Droste Hülshoff auf ihrem Lebensweg - von der Geburt bis zu ihrem Tod. Das Leben der Droste verlief alles andere als harmonisch oder gradlinig. Zeit ihres Lebens litt Annette von Droste-Hülshoff unter den Zwängen der Ständegesellschaft, die ihren literarischen Ambitionen kaum zu überwindende Grenzen setzte. Schon früh machte sich bei Annette von Droste-Hülshoff eine hohe literarische Begabung bemerkbar. In Münster kursierten Gedichte der Droste, die zu dem Zeitpunkt gerade erst dem Kindesalter entwachsen war. Ihre Eltern unterstützten die künstlerischen Ambitionen ihrer Tochter - in den Grenzen der Konvention versteht sich, die für Frauen, auch oder gerade wenn sie adeligen Standes waren, eine hauptberufliche Betätigung als Schriftstellerin ausschloss. Als Mittel der gehobenen Konversation, quasi als Mitgift war eine künstlerische Ader dagegen durchaus von Reiz. 
Der erste Förderer von Annette von Droste-Hülshoff war Anton Matthias Sprickmann. Weitere Inspirationsquelle war die Verwandschaft aus dem Paderborner Land, woher die Mutter, eine geborene von Haxthausen, stammte. Dort begegnete Annette von Droste-Hülshoff eines Tages Wilhelm Grimm, der ein Freund der Familie von Haxthausen war und wie diese ein Faible für Märchen und Volkssagen hatte. Aus dieser Zeit stammt auch der Titel des Romans. Grimm war von der selbstbewusst auftretenden und mit Kritik und Ironie seinem Werk gegenüber nicht zurückhaltenden Droste so beeindruckt oder besser irritiert, dass sie in seinen Träumen auftauchte. Im Bökerhof machte Annette von Droste-Hülshoff auch die Bekanntschaft mit ihrer Jugendliebe, dem Dichter Heinrich Straube

Nach dem Tod ihres Vaters war Annette von Droste-Hülshoff noch mehr als bisher an die heimische Scholle gebunden. Es folgte der Umzug in das von Johann Conrad Schlaun errichtete Haus Rüschhaus zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Jenny. 
Dennoch gelang es Annette von Droste-Hülshoff ihre literarische Arbeit fortzusetzen, wobei sie immer wieder von ihrer schwachen gesundheitlichen Konstitution zurückgeworfen wurde. Um sich Linderung von ihrem Leiden zu verschaffen, reiste die Droste häufig in das benachbarte Rheinland, wohin verwandschaftliche Beziehungen bestanden, u.a. zu Clemens-August von Droste zu Hülshoff, der mit seiner Frau  ihn Bonn lebte. Als ihre Schwester Jenny sich in die Schweiz verheiratete, führte sie ihr Weg in die Alpen. Aus dieser Zeit stammt das Gedicht Der Säntis. Später dann zog ihre Schwester mit ihrer Familie nach Meersburg an den Bodensee, wo Annette von Droste-Hülshoff viel Zeit verbrachte und schließlich ein Haus erwarb.
Zu dieser Zeit war auch ihr Schützling Levin Schücking auf ihr Betreiben hin als Bibliothekar in Meersburg tätig. Das Verhältnis der beiden war von gegenseitiger Zuneigung geprägt, ohne jedoch in eine, wie man heute sagen würde, feste Beziehung überzugehen. Später wandte sich die Droste von Schücking ab, nachdem dieser in seinem Werk Die Ritterbürgigen wenig schmeichelhaftes über den Adel schrieb. Zwar sparte Annette von Droste-Hülshoff selber nicht mit Kritik am Adel und der Ständegesellschaft, konnte sich aber eine andere Welt, Gesellschaftsordnung nicht (mehr) vorstellen. 

Zu ihren Lebzeiten waren der schriftstellerische und kommerzielle Erfolg von Annette von Droste-Hülshoff recht überschaubar. Die Suche nach einem Verleger gestaltete sich häufig schwierig. Ohne ihre Einnahmen aus dem Erbe wäre die schriftstellerische Laufbahn der Droste wohl anders verlaufen. In einer anderen Zeit jedoch, hätte sie nicht mehr in dieser Weise für ihre Anerkennung kämpfen müssen. Aber noch hundert Jahre später wären die Widerstände einer Frau gegenüber, die sich als Schriftstellerin durchsetzen wollte, beträchtlich gewesen. Insofern ist es für die Nachwelt ein Glück, dass die Droste wirtschaftlich unabhängig war. 

Dem Roman gelingt es, uns Annette von Droste-Hülshoff als Künstlerin und Person näher zu bringen, sie quasi lebendig, menschlich zu machen. Dazu tragen der Sprachstil ebenso wie der dramaturgische Aufbau des Buches bei. An keiner Stelle tritt Langeweile auf, der Spannungsbogen bleibt zu jeder Zeit konstant, die Aufteilung kommt dem Lesegenuss ebenfalls entgegen. Vor unsere Augen tritt eine Frau, die, wie auch wir heute, ein Kind ihrer Zeit war. Den Konventionen konnte sie "nur" in ihrer Dichtung entkommen.  Von Schicksalsschlägen und Enttäuschungen nicht verschont, von einer schwachen Gesundheit gezeichnet, ihre Kräfte im Kampf um die Anerkennung als Künstlerin und unabhängige Frau verzehrend, hat sie es dennoch geschafft, ein Werk zu hinterlassen, das zu den Klassikern gezählt wird und in einem Atemzug mit den Werken Goethes und anderer "Olympier" genannt wird - ein Erfolg, den sie sich wohl nicht hätte träumen lassen. Während ihre Kritiker schon längst vergessen sind, ist Annette von Droste-Hülshoff nach menschlichen Maßstäben unsterblich geworden. Auch das ein später Triumpf.

Ein besonderer Lesegenuss ist der Roman für all diejenigen, die mit der Geschichte und dem kulturellen Leben Westfalens jener Zeit vertraut sind. 

Auch in der Ferne gingen die Gedanken von Annette von Droste-Hülshoff in Richtung Heimat, nach Westfalen. Sie war und blieb ein Kind der Region, oder wie Esther Grau an einer Stelle schreibt:
Westfalen war fest in ihrem Leib eingebrannt und so sehr er unter einer anderen Sonne erblühte, er vergaß nie, aus welchem Lehm er gemacht war.