Donnerstag, 30. April 2015

Westfalen als Spätentwickler? Nichts weniger als das

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag der (preußischen) Provinzen Westfalen und Rheinland zum 200. Mal. Aus diesem Anlass sind in beiden Landesteilen diverse Veranstaltungen geplant. 

In der FAZ glaubt Andreas Rossmann in Das Land hinter dem Bindestrich nun an den erst für den August angesetzten Feierlichkeiten in Westfalen ein weiteres Indiz für seine Rolle als Spätentwickler gefunden zu haben. Wie nicht anders zu erwarten, wärmt der Redakteur bei der Gelegenheit einige Klischees auf. 

Wenden wir uns daher dem Beitrag und seinen doch recht zahlreichen Lücken zu. Das auch deshalb, da der Autor der FAZ nicht der einzige sein dürfte, der ein etwas überholungsbedürftiges Bild von Westfalen mit sich trägt. 

Sozusagen ein Abwasch. 

Rossmann schreibt, in Westfalen wären Universitäten - bis auf Münster - erst nach dem zweiten Weltkrieg gegründet worden. Hätte der Autor beispielsweise den ZDF-Fernsehgottesdienst aus Anlass des 400jährigen Bestehens der Theologischen Fakultät Paderborn, der ältesten Universität Westfalens, gesehen, dann ... 

Die Tatsache, dass ihm Ruhrgebiet, u.a. in Dortmund, keine Universitäten gegründet wurden, ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass Kaiser Wilhelm II. keinen Bedarf für eine Hochschule in einer von Arbeitern geprägten Region sah. 

Dazu: 
Übrigens: Auffallend viele der ältesten Schulen im deutschsprachigen Raum stammen aus Westfalen. Wer hätte das gedacht?

Nebenbei: Die erste Privatuni (Witten/Herdecke) und FernUni (Hagen) Deutschlands wurden in Westfalen gegründet.  


Auch in Sachen Wirtschaftsgeschichte scheint das Wissen des Autors etwas lückenhaft zu sein. Die Industrialisierung setzte in Deutschland im Vergleich zu England recht spät ein. Überhaupt gilt Deutschland als - na? Richtig: Nachzügler bei der Übernahme technischer Neuerungen - ein Befund, der bis heute gilt. Der Motor der Industrialisierung in Deutschland war? Kaum zu fassen: Das Ruhrgebiet. Und das ist, wenn mich meine Geografie-Kenntnisse nicht völlig im Stich lassen, in weiten Teilen westfälisch. Dazu: Streifzüge durch die deutsche Geschichte - Die Stählerne Zeit und Geschichte des Deutschen Bergbaus.

Im Mittelalter waren die westfälischen Kaufleute der Hanse im Fernhandel aktiv. Überhaupt gehören die Hanse und Westfalen eng zusammen. Danach waren es u.a. die Tödden, auch Hollandgänger genannt, die in gewisser Hinsicht das Erbe der Hansekaufleute antraten. 

Dazu:
Das erste Softwarehaus Europas wurde übrigens in Dortmund gegründet, die weltweit erste Informatik-Vorlesung in Münster abgehalten, eines der Grundlagenwerke der Computertheorie, der Computus Emendatus im 12 Jahrhundert in Paderborn verfasst. 

Weitere Informationen:
Zum Thema Maschinenbau: 

Der Raum Bielefeld ist nach Stuttgart die führende Maschinenbauregion Deutschlands. Darüber hinaus ist die Region Ostwestfalen das "Klemmen Valley" Deutschlands, d.h. weltweit führend in der elektronischen Verbindungstechnik. 

Dazu: 
Übrigens: Südwestfalen ist die drittstärkste Industrieregion Deutschlands. Daneben ist Südwestfalen noch das Zentrum der Lichtindustrie Deutschlands

Das älteste Mechanik-Buch Westeuropas stammt übrigens aus der Feder von Konrad Gruter aus Werden an der Ruhr. 

Auch in der Robotik und im Bereich Cognitive Technolgoy liegt Westfalen an der Spitze:
Zur Geschichte der Textilindustrie in Westfalen:
Zur Möbelindustrie:
Erster deutscher Flieger, der die Pilotenscheinprüfung bestand, war August Euler, gebürtiger Westfale. 

Dazu weiter:
Erster deutscher Teilnehmer des ersten Autorennens der Welt, war der in Minden geborene Hans Koeppen.

Dazu:
Was das Thema Literatur betrifft, empfehle ich dem Autor einen Besuch auf der Seite Literaturportal Westfalen.
Die älteste Beschreibung einer deutschen Kulturlandschaft ist Das Buch zum Lobe Westfalens, eines der bedeutendsten Frühwerke deutscher Literatur ist der Heliand, der in Corvey oder Werden verfasst wurde

Zum Thema Musik/Musiker in Westfalen:
Zur Theater- und Museumslandschaft in Westfalen:
Weitere Informationen zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Westfalens über die Jahrhunderte erhält man u.a. im größten Freilichtmuseum Deutschlands, dem LWL-Freilichtmuseum. 

Das Soester Stadtrecht ist das erste im deutschen Sprachraum nachweisbare Stadtrecht.

Dazu: Westfälische Rechtsgelehrte und Rechtsgeschichte

Die Cautio Criminalis, die Friedrich von Spee in Paderborn verfasste, gilt als in dieser Form erstes Werk, in dem ein rechtsstaatliches Verfahren beschrieben wurde. 

In der Malerei, die Bildhauerei, der Kupferstecherei und der Fotokunst waren und sind Westfalen in der Spitze zu finden:
Auch als Kunstsammler, Mäzene und Galeristen machen Westfalen und Westfälinnen immer wieder auf sich aufmerksam.

Dazu:
Zum Thema Eisenbahn:

Friedrich Harkorts im Jahr 1833 verfasste Schrift Die Eisenbahn von Minden nach Cöln war der erstmalige Versuch in Deutschland die wirtschaftliche Relevanz des Eisenbahnbaus zu veranschaulichen. 

Dazu: Eisenbahnland Westfalen

Noch was? Ach, ja: Architektur.

Man nehme beispielsweise den Prinzipalmarkt in Münster, der als Musterbeispiel für eine gelungene Kritische Rekonstruktion der Nachkriegszeit und auch wohl sonst zu den schönsten Plätzen Europas zählt. Ebenso erwähnenswert ist der Erbdrostenhof in Münsters Innenstadt. Die Bartholomäuskapelle in Paderborn ist die älteste Hallenkirche Deutschlands. Die Architektur der Kapelle aus dem 11. Jahrhundert ist einzigartig. Es handelt sich um die erste vollständig gewölbte Hallenkirche mit der Technik der Hängekuppeln. Ein Sakralbau, der Leichtigkeit und Eleganz verstrahlt, und für den es kein Vorbild gibt. Entstanden aus der Begegnung byzantinischer und ottonischer Baumeister mit unvergleichlicher Akustik. Und nicht zu vergessen der Dom St. Patrokli in Soest
Ein besonderes Kapitel ist der Westfälische Barock von Johann Conrad Schlaun

Dazu: Im Land der Westfälischen Sinfonie: Johann Conrad Schlaun: Meister des barocken Backsteins

Ähnliches gilt für die Gartenstadt Hohenhagen in Hagen, die von Karl Ernst Osthaus initiiert und u.a. von Henry van de Velde realisiert wurde. 

Übrigens: Westfalen hat die meisten Schlösser Europas


Der Kölner Dom übrigens verdankt seine Fertigstellung, nach einigen Jahrhunderten fortgesetzten Baustopps, dem energischen Eingreifen der Preußen unter dem tatkräftigen Regierungspräsidenten Eduard von Moeller, der übrigens aus Westfalen stammte. 

A propos Preußen: Der "Erste Preuße" war Westfale - Hermann von Balk

Dazu:
Weitere Informationen zur Architektur in Westfalen:
Zum Thema Kulinarik:
Die berühmteste Kochbuchautorin Deutschlands ist Henriette Davidis aus Dortmund. Sarah Wiener wurde in Halle/Westfalen geboren. 

Auf dem eigens zum 200. Geburtstag eingerichteten Blog 200 Jahre Westfalen Jetzt! kann man sich schon seit einigen Monaten über das geschichtliche Ereignis informieren. 

Nach Ansicht des Historikers Hermann Rothert war der Sächsische Landtag zu Marklo das erste Parlament der Geschichte. Wenngleich diese Behauptung nicht haltbar ist, zeigt es doch, dass man hierzulande nicht zu Spätzündern zählt(e).

Die Westfälische Staatskunst ist national und international seit Jahrhunderten gefragt:
Weitere historische Highlights:
Niemand soll sagen, Westfalen hätten keinen Humor:
Allgemeine Informationen:

Westfalen - einige Gründe, dieses Land zu lieben

Kleine Nachbemerkung

Es mag der eigenen sowie der Erbauung anderer hin und wieder dienlich sein, einigen Regionen Deutschlands eine historische Rückständigkeit in Wirtschaft und Kultur glauben bescheinigen zu können. Jeder Mensch hat wohl seine Vorurteile, die hin und wieder nach Ausdruck verlangen. Doch gerade was das vermeintlich in bestimmten Regionen Deutschlands so fortschrittliche Kulturleben anbelangt, sollten wir uns hier mit Walther Rathenau etwas in Bescheidenheit üben. Und das gewiss nicht nur im Rheinland und in den Redaktionsstuben der FAZ:
Ein Volk von Dichtern und Denkern sind wir nie gewesen ... Die alten deutschen Oberschichten haben in drei großen, scharf begrenzten Epochen die Kraft gehabt, gewaltige Einzelbegabungen der Musik, Dichtung und Philosophie emporzuheben. ... (in: Wirtschaft ist Schicksal)
All jenen möchte man zurufen: 
Macht euch nicht so groß; so klein seid ihr nicht! 

Sonntag, 26. April 2015

Museum Wasserschloss Neuenheerse / Stift Heerse

Von Ralf Keuper

Das Museum Wasserschloss Neuenheerse zählt wohl zu den kuriosesten und unbekanntesten in Westfalen. In einem geografisch eher abgelegenen Winkel Ostwestfalens, im Bad Driburger Ortsteil Neuenhersee gelegen, kann es mit einer überraschenden Vielfalt, sowohl was die Themen als auch die Einzelstücke betrifft, aufwarten, die man so wohl nicht in der Provinz vermuten würde. 


Das Wasserschloss selbst steht auf derselben Stelle wie einst das Damenstift Heerse, das im Jahr 868 offiziell gegründet wurde. Die noch heute erhaltene Stiftskirche wurde im Laufe der Jahrhunderte den verschiedenen Baustilen der Epochen angepasst.

Auf Wikipedia heisst dazu u.a.:
Der erste archäologisch sicher nachweisbare Kirchenbau war eine spätkarolingische Basilika. Diese ist die einzig sicher nachweisbare karolingische Pfeilerbasilika in Westfalen. Ein Vorgängerbau ist aber auf Grund des baulichen Befundes möglich.

Samstag, 25. April 2015

Westfalen News #10

Von Ralf Keuper

Erneut eine Aufstellung einiger Beiträge aus und über Westfalen, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind:

Freitag, 24. April 2015

Kreative Statistik: Bevölkerung in Westfalen sinkt bis 2040 um knapp fünf Prozent

Von Ralf Keuper

So, so. Nachdem in letzten Jahren Prognosen die Runde machten, wonach die Bevölkerungszahl in NRW in den nächsten Jahrzehnten zurückgehen werde, kommt nun die neueste demografische Erhebung zu dem "überraschenden" Ergebnis, dass die Einwohnerzahl Nordrhein-Westfalens künftig wachsen werde

Tatsächlich? So schnell kann sich das Blatt wenden - oder auch nicht. Der Pressedienst des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe Westfalen heute verbreitete diese Meldung ungefiltert

Bei Westfalen heute hat man ohnehin eine Schwäche für Rankings und Statistiken ;-)

Ach ja: Münster wird in den nächsten Jahren als eine der wenigen Kommunen Westfalens mit einer steigenden Einwohnerzahl zu rechnen haben; und das sogar ziemlich deutlich.

Woran erinnert mich diese neueste Meldung nur? Stimmt: An die Mitteilung vor einigen Jahren, derzufolge die Einwohnerzahl Deutschlands in der Vergangenheit um immerhin 1,5 Millionen Einwohnern zu hoch angesetzt wurde. Der Aufschrei blieb erstaunlicherweise aus, was überrascht, da doch auf Basis dieser Zahlen viele politische Entscheidungen getroffen werden - wie im Bereich der Sozialversicherung, Gesundheit, Bildung etc. 

Mittlerweile erwarten die Statistiker beispielsweise für Dortmund einen leichten Anstieg der Einwohnerzahlen bis 2040.
Noch vor etwas über zwei Jahren ließ dieselbe Behörde verlauten, dass die Einwohnerzahl Dortmunds bis 2030 sinken werde. Na ja: Höchstwahrscheinlich wird sie von 2030 bis 2040 dann wieder so richtig steigen ;-)

Den Vogel in den letzten Jahren schoss einmal mehr Die Welt ab: Sie berichtete 2011 davon, dass Deutschland in 50 Jahren nur noch 66 Millionen Einwohner zählen werde. Etwas später wurde der "Verlust" von 1,5 Millionen Deutschen aus der Statistik bekannt. Die Welt ließ das erstaunlich kalt. 
Mittlerweile wächst Deutschland sogar wieder leicht. Bis zur nächsten Statistik. 

Damit bestätigt sich einmal mehr, dass Statistiken zu den Bevölkerungszahlen vor allem politischen Zwecken dienen, d.h. sie fungieren als Angstmacher

Warten wir also auf die nächste Statistik mit ihren "überraschenden" Erkenntnissen. Die Welt und Westfalen heute werden uns ganz sicher auf dem Laufenden halten ;-)

Bis dahin halten wir es mit Winston Churchill, der über die Aussagekraft von Prognosen einmal sagte:

Sonntag, 19. April 2015

Wir sind NRW - Westfalen (Dokumentationsfilm)

Von Ralf Keuper

Ein sehenswerter Dokumentationsfilm des WDR über Westfalen, der jedoch nicht ganz ohne Klischees auskommt. 

Samstag, 18. April 2015

Brenninkmeyer-Dynastie vor dem Zerfall?

Von Ralf Keuper

Wie nur sehr wenige Dynastien, verkörpern die Brenninkmeyers das Ideal eines Familienunternehmens. Verschwiegen nach außen, streng nach innen und dabei immer das Wohl des Unternehmens bzw. des Vermögens im Auge. Genau genommen gilt diese Beschreibung für die Brenninkmeyers, den Eigentümern von C&A und noch vielen anderen Unternehmen und Vermögenswerten, bereits seit über 300 Jahren, wie u.a. Bettina Weiguny in ihrem lesenswerten Buch Die geheimnisvollen Herren von C&A: Der Aufstieg der Brenninkmeyers schreibt. Mit einem geschätzten Vermögen von 25 Mrd. Euro gilt der Clan, der seine Wurzeln im westfälischen Mettingen hat,  als die reichste Familie Europas. In der jüngeren Vergangenheit ist es immer wieder zu Konflikten im Familienkreis gekommen, was nicht verwundert, zählt die Familie mittlerweile 1.800 Köpfe. Selbst die katholische Kirche durchlief in ihrer langen Geschichte zahlreiche Krisen, die ihre Existenz infrage gestellt haben. Die Brenninkmeyers, die sich betont katholisch geben, werden derzeit wohl an ihr "Vorbild", den Vatikan, denken. 

Das scheint auch nötig, wenn der Bericht C&A - wie eine Kaufhaus-Dynastie sich selbst zerlegt zutreffen sollte. Demnach soll es in der Familie zu großen Spannungen gekommen sein, die auch noch anzuhalten scheinen. Auslöser war der Prozess, den ein Abkömmling der Familie, Alexander Brenninkmeijer, gegen den Clan angestrengt hat bzw. umgekehrt. Alexander Brenninkmeijer ist Eigentümer des Mode-Labels "Clemens en August". Die Familie war über die Namenswahl "not amused" und zog gegen den Sprössling vor Gericht. Nachdem der Angeklagte Recht bekam, ging er einen Schritt weiter und fordert nun für die Familie die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das in Konfliktfällen als neutrale Instanz fungieren soll. 

Der Artikel berichtet auch von Verfahren und Ritualen, die schon ein wenig an die katholische Kirche erinnern. Relikte aus rauer Vorzeit. Im Vergleich zum Codex Brenninkmeyer erscheint die katholische Kirche geradezu reformfreudig. Das zentrale Steuerungsorgan der Familie ist der sog. Sneeker Kring. Alle wichtigen Entscheidungen werden in diesem Kreis getroffen, dem 68 der 1800 Familienmitglieder angehören. Wirtschaftlicher Nukleus des Clans ist neben der Cofra-Holding, die Vermögensverwaltung Anthos, eines der größten Family Offices der Welt. Anthos verfügt sogar über eine Vollbanklizenz, was für ein Family Office sehr ungewöhnlich ist. Die Organisation von Anthos, wie sie in dem Beitrag geschildert wird, erinnert schon ein wenig an Frank Kafkas Roman Das Schloss. 

Sorgen bereitet auch das nach wie vor wichtigste Unternehmen der Familie, die Textilkette C&A, ebenso wie die familieneigene Investmentgesellschaft Bregal. 

Fest steht wohl, dass sich der Familienclan dem Zeitgeist öffnen muss, wenn er nicht die eigene wirtschaftliche Existenz aufs Spiel setzen will. Man darf gespannt sein, ob dem Clan dieser Wandel, diese Kulturrevolution gelingt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Bisher hat die Familie noch immer rechtzeitig reagiert und den Wandel zugelassen, wenn auch nur in kleinen Schritten.

Im Jahr 2011 untersuchte die Familie mit erstaunlicher Offenheit, wie die Süddeutsche Zeitung in Textildiscounter C&A "Für Führer, Volk und Vaterland" festhielt, ihre Verstrickung mit den Nazis im Dritten Reich. 

Mittwoch, 15. April 2015

Zeitreise: Die Welt vor 1000 Jahren - Fernsehdokumentation mit Matthias Wemhoff

Von Ralf Keuper

Eine sehenswerte Zeitreise in die Welt vor 1000 Jahren quer durch die Kontinente. Durch die Sendung führt Matthias Wemhoff, einige Jahre Leiter des Museums in der Kaiserpfalz in Paderborn und danach Direktor des LWL-Museums für Klosterkultur in Dahlheim. Seit einigen Jahre ist Wemhoff Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte sowie Landesarchäologe des Bundeslandes Berlin. 

Mittwoch, 1. April 2015

Westfalen-Initiative mit "überraschenden Erkenntnissen"

Von Ralf Keuper

Die Westfalen-Initiative ist einmal mehr zu "ganz überraschenden Erkenntnissen" gelangt, wie Westfalen heute berichtet. Bei diesen scheinbar neuen Einsichten handelt es sich in erster Linie um die Wirtschaftskraft Westfalens, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Wäre Westfalen ein eigener Staat, so käme das Land auf Platz 30 der weltweiten Rangliste der Nationen.

Mit dem Bruttoinlandsprodukt argumentiert die Westfalen-Initiative immer wieder. Der Vergleich ist daher nicht neu. Der Haken an der Sache ist nur: Würden jetzt auch alle anderen Regionen in der Welt diesem Beispiel folgen, d.h. sich als eigenständiger Staat verstehen, dann würde Westfalen etliche Plätze zurückfallen. Der Aussagegehalt ist daher marginal. Netter Versuch, der aber auch dadurch nicht an Plausibilität und Originalität gewinnt, dass man ihn in verschiedenen Variationen wiederholt. 

Etwas anders verhält es sich mit dem Stellenwert der westfälischen Hochschulen. Das ist in der Tat ein Aspekt, der noch allzu häufig und zu gern übersehen wird. Dabei hat die Region mit der FernUni Hagen die, gemessen an den Studentenzahlen, größte Universität Deutschlands und mit der Uni Witten/Herdecke die erste Privatuni Deutschlands. Daneben verfügt die Region mit der Uni Münster und der RuhrUni Bochum über zwei der größten und renommiertesten Universitäten Deutschlands. Und in Bielefeld entsteht in den nächsten Jahren mit einem Investitionsvolumen von über 1 Mrd. Euro einer der modernsten Hochschulstandorte Europas

Dass 9 der 50 umsatzstärksten Familienunternehmen in Deutschland aus Westfalen, und hier vornehmlich aus Ostwestfalen-Lippe stammen, wie die Westfalen-Initiative feststellt, ist ebenfalls eine Erwähnung wert. 

Hervorzuheben ist aber auch der hohe Stellenwert und die geschichtliche Bedeutung der Datenverarbeitung und Informatik in Westfalen, die immer wieder gerne, auch von der Westfalen-Initiative, übersehen wird. Gleiches gilt für das Klemmen-Valley Ostwestfalen-Lippe und die Lichtfabrik Südwestfalen. Daneben ist Westfalen noch eine Hochburg des (Industrie-) Design. Und nicht zu vergessen: Das Möbelland Westfalen. Vor allem aber auch: Die Theater-Museums- und Musiklandschaft in Westfalen. Und noch vieles mehr, wie die Tatsache, dass Westfalen die meisten Schlösser und Burgen in Europa hat

Statt uns also vorwiegend mit Statistiken und Rankings zu beglücken, täte die Westfalen-Initiative besser daran, thematische Schwerpunkte zu setzen und die Stärken in Erzählungen und Bilder zu packen. Dafür gibt es mittlerweile genügend innovative Medienformate. 

Warten wir also auf die nächsten "überraschenden Erkenntnisse" aus Münster.