Freitag, 27. Februar 2015

Westfalen News - Ein kurzer Blick auf die vergangenen Wochen #4

Von Ralf Keuper

Erneut eine Aufstellung einiger Beiträge über und zu Westfalen der letzten zwei Wochen, die mir aufgefallen sind:

Geschichte Westfalens
Kunst und Kultur in Westfalen und NRW
Personen aus Westfalen
Sport in Westfalen

Der bemerkenswert moderne Staatsgedanke der Westfalen

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr wird der Geburt Westfalens als politischer Einheit im Jahr 1815 gedacht. Ein fürwahr historisches Ereignis. Bis dahin war Westfalen ein loser Verbund aus verschiedenen Regionen - betont dezentral - wie man heute dazu sagen würde. Das Herzogtum Westfalen etwa war nur ein Bruchstück dessen, was wir heute unter Westfalen verstehen. 
Über die Gründe dafür, weshalb Westfalen erst relativ spät zu einem einheitlichen Gebilde wurde, ist viel spekuliert worden. Gustav Engel beschrieb den Staatsgedanken der Westfalen mit den Worten: 
Die Länder Westfalens haben in ihrer Gesamtheit keinen Staat gebildet. Einen Herzog, der über alle gebieten könnte, haben sie abgelehnt, und allen Versuchen der Kölner Erzbischöfe nach dieser Richtung hin sind sie mit der Waffe entgegengetreten. Was sich hier in seiner klaren politischen Ausprägung manifestiert, ist der Staatsgedanke der Westfalen.

Dieser Staat der Westfalen ist weder sichtbar noch greifbar, kein Gebilde, von dem bestimmte und zwingende Machtäußerungen ausgehen können. In seiner Umgreifung "regiert" er, dem einzelnen soll er vom Leibe bleiben. Er soll wenig verwalten und so wenig herrschen wie möglich, mit einem Wort: Er soll nicht Selbstzweck werden. Die Freiheit des einzelnen soll von ihm unangetastet bleiben. (in: Die Westfalen. Volk, Geschichte, Kultur)
Kling irgendwie modern. Durch die Zeilen spricht die angelsächsische Staatstheorie. 

Das wohl interessanteste "Staatsexperiment", das unter dem Namen Westfalen durchgeführt wurde, war das von Napoleon errichtete, künstliche Gebilde des "Königreich Westphalen", das von seinem Bruder Jérôme Bonparte, der auch den Beinamen "König Lustik" trug, regiert wurde. Sitz des Königreichs war die nordhessische Metropole Kassel. Auch sonst war der westfälische Anteil am Königreich Westfalen recht überschaubar. 
Nicht ganz zu Unrecht bezeichnet Helmut Berding das Königreich Westphalen als den ersten modernen Staat auf deutschem Boden. Berding schreibt u.a.
Dennoch und ganz anders, als das alberne Klischee vom Reich des Königs Lustig es will: Nirgendwo sonst im napoleonischen Deutschland prägten die Prinzipien von Rationalität und Effektivität so konsequent das Regierungs- und Verwaltungssystem wie hier. Nirgendwo sonst zog eine geschriebene Verfassung mit einem beachtlichen Katalog von Menschenrechten eine so klare Trennungslinie zur ständischen Gesellschaftsordnung, beseitigte die Judenemanzipation so vorbehaltlos die überlieferten Diskriminierungen. Allerdings klafften auch nirgendwo sonst Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in diesem Modell- und Satellitenstaat.
Ähnlich Gedanken formuliert auch Claus Peter Müller in Das Reich mit "König Lustik"

Im Jahr 2008 widmete sich die Ausstellung "König Lustik" der kurzen Geschichte des Königreichs Westphalens. 

Nachdem die Preußen im Jahr 1815 die Kontrolle über Westfalen erhielten und die Region zu einer politischen Einheit formten, wurden viele der auch heute noch als modern geltenden Staatsregeln wieder zurückgenommen und der alte Ständestaat fast vollständig wieder hergestellt. 

So gesehen hinterlässt der 200jährige Geburtstag Westfalen einen zwiespältigen Eindruck. 

Die Frage der Staatsauffassung der Westfalen kann daher nicht alleine auf die vergangenen zweihundert Jahre reduziert werden. Sie reicht weiter zurück und liefert einige überraschende und moderne Einsichten und Fakten. 

Weitere Informationen:


Westfälisches Demokratie- und Staatsverständnis, oder: Was macht die Westfälische Identität aus?

Westfälische Staatsmänner und Diplomaten

Westfälische Staats- und Gesellschaftstheoretiker

Westfalenparlament

Westfälisches Staatensystem

Der sächsische Landtag zu Marklo - das erste Parlament der Geschichte?

Samstag, 21. Februar 2015

Bochum: Wie man in kurzer Zeit und wenig Geld einen guten Konzertsaal baut

Von Ralf Keuper

Während in München das kulturbeflissene Bürgertum und einige Feuilletonisten mit der jüngsten (vorläufigen) Entscheidung der Landesregierung und der Stadtverwaltung hadern, keinen neuen Konzertsaal zu errichten und stattdessen das Haus am Gasteig einer Grundsanierung zu unterziehen, zeigt ausgerechnet Bochum, dass die Verwirklichung eines Konzertsaales nicht nur eine Frage des Geldes ist. 
Auf nicht weniger als 300, vielleicht auch 400 Millionen Euro schätzen Experten die Kosten für den Umbau des Kulturzentrums gegenüber der Isar in München. Im Vergleich dazu nehmen sich die 34 Millionen Euro, die in den Neubau eines Konzertsaals in Bochum fließen, geradezu minimalistisch aus. Und obwohl der Verdacht nahe liegt, dass es in Bochum wohl nur zu einem Konzertsaal im Ikea-Stil reicht, erfüllt das neue Gebäude nach Ansicht von Johan Schloemann  in der SZ vom 17.02.2015 in Es geht doch höchste Standards:
Die Akustik des Saals - ein Hauptstreitpunkt in München - wird in Bochum von renommierten Fachleuten betreut: Eckard Mommertz vom Büro Müller-BBM in Planegg, der an der TU München Vorlesungen über Raumakustik hält; sowie vom Büro Kahle Acoustics in Brüssel - dieses plante auch den Klang in der neuen Paris Philharmonie, im Musiktheater Linz sowie im viel gelobten Konzertsaal in Luzern. Es wird in Bochum eine Weiterentwicklung der bewährten "Schuhkasten"-Bauweise, verbunden mit einer behutsamen Umrundung von Dirigent und Orchester durch weitere Zuschauerplätze.
Mit anderen Worten: Da sind Profis am Werk. 

Weitere Informationen: 




Mittwoch, 18. Februar 2015

"Kritische Rekonstruktion" der Innenstadt: Lübeck trifft Münster

Erfreuliche Neuigkeiten aus Lübeck, der "Königin der Hanse". Wie Till Briegleb in der SZ vom 16.02.2015 in Die Zukunft des Giebelhauses schreibt, hat die Stadt Lübeck mit dem Wettbewerb Gründungsviertel ein Signal mit bundesweiter Wirkung gesendet. 

Damit legt die Hansestadt ein Bekenntnis zur Kritischen Rekonstruktion ab, ein Begriff aus der Architekturtheorie, der von dem aus Rheine stammenden Josef Paul Kleihues geprägt wurde. Der "vollständige Bruch mit der historischen Altstadtstruktur" nach dem Krieg sei eine "Fehlentwicklung und erheblicher Störfaktor", so die Stadt.  

An der Ausschreibung nahmen 133 Architekturbüros aus ganz Europa teil. Die 14 siegreichen Entwürfe können in dem neuen Stadtviertel ohne zusätzliche Genehmigung realisiert werden. Nicht weniger als ein neues historisches Bewusstsein für den Städtebau zu befördern, ist das erklärte Ziel der Stadt. 

Dass die Stadt Lübeck damit richtig liegt, beweist der Wiederaufbau des Prinzipalmarktes in Münster nach dem 2. Weltkrieg. Eine weisere Entscheidung ist von der Bürgerschaft Münsters selten gefällt worden. 

Insofern muss man Hermann Lübbe zustimmen, der in den Westfälischen Nachrichten vom 03.05.2000 schrieb:
Hier gab es noch einen unbeschädigten Bürgersinn ... Münster hat gezeigt, wie man's machen muss. Die münstersche Ablehnung modernistischer Tabula-rasa Architektur zu Gunsten eines historisierenden Aufbaus zeigt aber keine Rückwärtsgewandtheit und Zukunftsscheu. In Münster spiegelte sich die Erfahrung von Kontinuität. Und Bedeutung sowie Interesse an diesen dauerhaft wirkenden Herkunftsbeständen nimmt in einer Zeit sich rasant verändernder Lebenswelten zu, so dass die auch dem Erstbesucher dieser Stadt auffällige Herkunftstreue Münsters die Verheißung hat, ein Indiz von besonderer Zukunftsfähigkeit zu sein. (in: Münster. Wiederaufbau und Wandel. Mit 500 Abbildungen, von Bernd Haunfelder)

Sonntag, 15. Februar 2015

Ehemalige Gildemeister AG soll vollständig von ihrem japanischen Partner geschluckt werden

Von Ralf Keuper

Während Wirtschaftsmagazine wie die Wirtschaftswoche, das Manager Magazin und das Handelsblatt die geplante Übernahme der ehemaligen Gildemeister AG aus Bielefeld durch ihren japanischen Partner Mori Seiki als große Chance feiern, schlägt die Süddeutsche Zeitung in dem Beitrag Bielefelder Poker vom 12.02.2015 deutlich leisere Töne an. 

Das Handelsblatt sieht in Mori Seiki gar den Retter, der Gildemeister aus der Krise führen soll. Demgegenüber heisst es in dem erwähnten Beitrag in der SZ:
Im jüngsten Jahresbericht 2013 kamen die Bielefelder aus 2,05 Mrd. Euro Umsatz, die Japaner zuletzt nur auf 1,2 Milliarden. Während Gildemeister 2013 über einen freien Cash Flow von 89 Millionen Euro verfügen konnte, stand bei den Japanern 2014 ein Minus von 9,2 Millionen Euro. Dennoch hieß es, für die Japaner sprächen die besseren Finanzierungsmöglichkeiten. 
Die SZ zitiert den Analysten Hermann Reith von der BHF-Bank, der der Ansicht ist, es hätte genau umgekehrt laufen müssen, d.h. Gildemeister übernimmt Mori Seiki. 

Auf diesen Gedanken ist man beim Handelsblatt, bei der Wirtschaftswoche und bei dem Manager Magazin anscheinend noch nicht gekommen. 

Der Beitrag in der SZ berichtet von weiteren Ungereimtheiten. Bei der ehemaligen Gildemeister AG handelt es sich, worauf die SZ zu recht hinweist, um eine Perle des deutschen Werkzeugmaschinenbaus. Dem Werkzeugmaschinenbau wird unter Branchenkennern eine Schlüsselstellung für eine Volkswirtschaft eingeräumt. Davon, mit der Thematik vertrauten Personen, sind die Redaktionen von Handelsblatt, Manager Magazin und Wirtschaftswoche scheinbar nicht bevölkert. 

Um ehrlich zu sein: Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen ;-) 

Samstag, 14. Februar 2015

Westfalen News - Ein Blick auf die vergangenen Wochen #3

Von Ralf Keuper

Hier wieder eine Aufstellung einiger Beiträge über und zu Westfalen der letzten Tage und Wochen, die mir aufgefallen sind:

Geschichte Westfalens
Kunst und Kultur in Westfalen und NRW
Wissenschaft und Forschung in Westfalen
Personen aus Westfalen
Sport in Westfalen

Mittwoch, 11. Februar 2015

Warburger State of Mind (Videoclip über Warburg)

Von Ralf Keuper

Der amerikanische Austauchschüler James Roldan hat seine Eindrücke von Warburg (Kreis Höxter/Ostwestfalen) in einem sehens- und hörenswerten Videoclip verarbeitet. 


Weitere Informationen:

Sonntag, 8. Februar 2015

Internationale Handelsnetze westfälischer Kaufleute in London (1660-1815)

Von Ralf Keuper

Bereits die Westfälischen Kaufleute der Hanse wählten London als Handelsplatz. Diese Tendenz hat sich bis in das 17. und 18. Jahrhundert erhalten, wie Margrit Schulte Beerbühl in Internationale Handelsnetze westfälischer Kaufleute belegt.

Besonders aus Herford stammten viele Kaufleute, die ihr Glück in London suchten und dabei nicht selten zu ansehnlichem Wohlstand gelangten, wie Henry Voguell

Schulte Beerbühl schreibt dazu:
Henry Voguell hatte zunächst eine Lehre in Frankfurt und Berlin absolviert, bevor er für kurze Zeit als Angestellter bei seinem Onkel Johann Jobst Vogel in Bremen arbeitete. 1701 ging er nach London, wo schon ein anderer Onkel, Bernard Sirps, lebte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1746 ging er verschiedene Sozietäten mit ausgewanderten deutschen Kaufleuten aus Berlin, Hamburg, Osnabrück und Herford ein. ... Henry Voguells Testament spiegelt in außergewöhnlicher Weise die weitreichende familiäre und wirtschaftliche Verästelung und Verflechtung von deutschen Kaufleuten in London wieder. Er hinterließ bei seinem Tode ein beträchtliches Vermögen, das den Grundstock für den Aufstieg der nachfolgenden Generationen von Neffen bildete.  
Der erste aus Herford eingewanderte Kaufmann in London war Bernard Sirps. Ihm folgten weitere, wie der bereits erwähnte Henry Voguell und Angehörige der Herforder Familien Mölling und Klausing. Die genannten Familien waren miteinander verwandt. Ein weiterer einflussreicher westfälischer Kaufmann in London war Christopher Pritzler aus Versmold.

Quelle: Margit Schulte Beerbühl: Internationale Handelsnetze westfälischer Kaufleute, in: Kultur, Strategien und Netzwerke. Familienunternehmen in Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert. 

Weitere Informationen:




Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Führung des BVB 09 und die Lust am Untergang

Von Ralf Keuper

Über die Gründe für die rasante Talfahrt des BVB in dieser Saison und die konstant schlechten Leistungen der Mannschaft mag noch in Monaten, Jahren gerätselt werden. 

Indes tritt immer deutlicher zum Vorschein, dass das eigentliche Problem bei der Vereinsführung, dem Aufsichtsrat und dem Trainer anzusiedeln ist. In einer Art Symbiose scheint man sich hier gegen die Außenwelt abzuschirmen und die Realität zu verdrängen. Nicht zu Unrecht spricht der Philosoph Wolfram Eilenberger in einem Interview von der Dortmunder "Romantik" der schlechten Art

Wie sonst ist es zu erklären, dass Führung und Aufsichtsrat dem schleichenden Zerfall der Mannschaft tatenlos zusehen, und sogar noch, wie Jürgen Watzke, dem Trainer öffentlich eine Beschäftigungsgarantie geben, komme, was wolle? Im vergangenen Jahr verlängerte Watzke, ohne große Not, den Vertrag mit Klopp bis zum Jahr 2018 - ein klarer Managementfehler.

In dem fast schon zwanghaften Bemühen, sich vom FCB abzugrenzen, macht man beim BVB einen auf Kumpeltour, so als handele es sich um einen Sportverein, der sich aus Wochenendfussballern zusammensetzt - quasi eine Thekenmannschaft mit gehobenen spielerischem Anspruch. Von Kommerz keine Spur - es zählt allein der Zusammenhalt - "Echte Liebe" - man könnte auch schlicht von Nibelungentreue sprechen. 

Das ist für einen Fussballverein, der, noch dazu als einziger börsennotierter in Deutschland, den knallharten Gesetzen des Marktes unterliegt, nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch mit Blick auf die "Immateriellen Werte" des Vereins unverantwortlich. Nur wenige Vereine verfügen über eine so große Symbolkraft für die Region und ihre treuen Fans, wie der BVB 09. Das alles wird m.E. derzeit fahrlässig aufs Spiel gesetzt. 

Eine Mannschaft mit dem Spieler-Potential, kann und darf nach so viel Spieltagen nicht am Tabellenende festsitzen. Wenn der Trainer für die Erfolge der Vergangenheit verantwortlich ist, so ist er es auch für die Mißerfolge der Gegenwart. Die Entschuldigungen der Hinrunde, wie das Verletzungspech, haben keine Gültigkeit (mehr). Überhaupt fällt die Verletzungsmisere beim BVB aus dem Rahmen, so dass Fragen nach der Qualität der medizinischen Abteilung berechtigt erscheinen. Das ist nicht nur, aber auch, eine ökonomische Frage, da die Spieler das größte Kapital des Vereins sind. 

Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Der Trainer darf keine heilige Kuh sein. Klopp hat als Trainer seinen Zenit beim BVB überschritten. Sein Spielstil hat sich, wie Wolfram Eilenberger zu Recht feststellt, seit drei Jahren nicht mehr entscheidend weiter entwickelt. Die Abhängigkeit vom Trainer ist schlicht zu groß.

Das ist übrigens etwas, was man vom FCB lernen kann: Nach drei Jahren, spätestens, wird der Trainer, auch beim größten Erfolg, ausgewechselt, damit sich erst gar nicht ein bestimmter Stil festsetzen kann, der den Anforderungen nicht mehr gerecht wird. So bleibt die Mannschaft flexibel, in Bewegung. Neue Spieler können so besser integriert werden. Cliquenbildung ist hier deutlich schwerer. 
Daran könnte sich auch der BVB orientieren, ohne den FCB 1:1 zu kopieren. Durch den Zwang, unbedingt anders als der FCB sein zu wollen, ist der BVB in die Sackgasse geraten. Sich auf Wortgefechte mit der Führung des FCB einzulassen, war schon immer kontraproduktiv. Das ist genau das, was Rummenigge und & Co. wollen. Es ist mir unverständlich, weshalb Watzke, Zorc und Klopp so darauf eingestiegen sind. 

Noch mal: Es besteht dringender Handlungsbedarf, ehe die Mannschaft und der Verein auseinander fallen. Die Trainerfrage darf nicht länger sakrosankt sein.

Rauball ist gefordert. 

Es ist schon ziemlicher Unfug, wenn die Welt schreibt, Klopp sei nach wie vor unersetzlich, so als hätte er an der Misere gar keinen Anteil; als würden hier finstere Mächte ihr Spiel mit dem BVB treiben. Das ist schon kollektive Realitätsverweigerung, wie sie in den Medien nicht unüblich ist. Dass ein neuer Trainer der Mannschaft nicht helfen könne, ist lediglich eine Behauptung. Wäre Udo Lattek damals nicht noch gerade rechtzeitig erschienen und hätte er die mediale Aufmerksamkeit nicht auf sich gezogen; der BVB wäre abgestiegen. Die Mannschaft war seinerzeit von ähnlicher Qualität wie die heutige. 

Es ist überhaupt erstaunlich, wie unkritisch sich die meisten Medien gegenüber Klopp verhalten, wie neben der Welt auch die FAZ. Sind das Denkblockaden? Will man sich nicht eingestehen, einen Trainer hoch geschrieben zu haben, der doch nicht über Wasser laufen kann und dem schon seit Monaten nur noch platte Durchhalteparolen einfallen? Scheinbar trifft man sich auf demselben Niveau, nach dem Motto: Es gibt keine Alternative!

Doch, die gibt es immer - gerade im Fussball. 

Daher noch einmal: Der Trainer und die Führung sind das Problem. Etwas anderes zu behaupten ist absurd, geradezu kafkaesk. Das geht ja nicht einmal mehr in der Wirtschaft durch; eine Logik der folgenden Art: Die Mitarbeiter, Spieler sind einfach zu doof, die geniale Strategie der Führung umzusetzen. 

Klopp sucht den Fehler nach wie vor überall, nur nicht bei sich selbst. Ein wirklich großer Trainer spricht und handelt anders. 
Wenn Klopp wirklich keine Verantwortung trägt, dann brauchen wir auch keinen Trainer mehr; ein Übungsleiter und Hütchen-Aufsteller auf 400 Euro-Basis, ein Feng-Shui-Berater oder ein Motivationskünstler reichen völlig ;-)

Weitere Informationen:

"Der BVB kommt immer einen Schritt zu spät"



Update 03.07.2015:

Die Handschrift des neuen Trainers Thomas Tuchel wird immer sichtbarer. Es scheint, als hätte sich in den letzen Jahren einiger Schlendrian eingestellt. Die Auswechslung des langjährigen Hoflieferanten möge da nur der Anfang sein. Weiter so!

Update 28.07.2015:

Aufschlussreich: Borussia Dortmund: Fast alles neu mit Thomas Tuchel
Bei Klopp waren nach sieben Jahren BVB viele Dinge eingefahren. Die Abläufe waren bekannt, die Trainingsstunden verliefen immer nach demselben Schema. Klopp ließ seine Co-Trainer die Parcours aufbauen und seinen taktischen Mastermind Zeljko Buvac als "Drill Instructor" auf seine Spieler los. Gefilmt wurde die Einheiten nur vereinzelt.
Das scheint Watzke und Zorc entgangen zu sein ...

Ebenfalls lesenswert:

Stilwandel bei Borussia Dortmund - Von Klopp zu Tuchel: So funktioniert der neue BVB

Die Sehnsucht des Marco Reus nach der neuen Zeit
Reus ist das Paradebeispiel für einen Profi, der sich einen Trainerwechsel herbeigesehnt hatte. Nach drei Jahren unter Jürgen Klopp hatte er zunehmend das Gefühl, neue Impulse zu benötigen und nach Möglichkeit in einem Team zu spielen, das sich fußballerisch weiterentwickelt, auch andere Facetten des Spiels zeigt. Wie alle Borussen vermeidet er zwar sämtliche Vergleiche zwischen Tuchel und dessen Vorgänger – doch es sind die Zwischentöne, die darauf hindeuten, dass er die jüngste Entwicklung beim BVB befürwortet.
"Jeder Trainer hat unterschiedliche Meinungen, wie zu spielen ist. Da unterscheiden sich viele Trainer. Gegenpressing gehört dazu, aber im heutigen Fußball ist es so, dass eigentlich alles dazugehört, dass man alles beherrschen muss", sagte er. Mit anderen Worten: Es gehe aktuell um eine Weiterentwicklung der stilistischen Eigenarten des BVB – und Reus brennt darauf.

Sonntag, 1. Februar 2015

Florentine Mütherich - "Hüterin der Miniaturen" zum Hundertsten

Von Ralf Keuper

Vor wenigen Tagen konnte Florentine Mütherich bei voller geistiger Frische ihren 100. Geburtstag feiern (Hinweis: Mütherich verstarb im Juni desselben Jahres). Der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer, selbst bereits über 90 Jahre alt, würdigte das Lebenswerk der "unbeirrbaren Kunsthistorikerin" in der SZ vom 26. Januar 2015 in dem Beitrag Hüterin der Miniaturen. 

Ihr besonderes Interesse galt den Karolingischen Miniaturen

Sauerländer schreibt dazu: 
Der "Deutsche Verein für Kunstwissenschaft" hatte diese Aufgabe (gemeint: Die Publikation der Karolingischen Miniaturen) dem in Weimar lehrenden Kunsthistoriker Wilhelm Köhler anvertraut. Köhler emigrierte 1932/33 nach Harvard. Bis dahin war von dem Opus nur ein einziger Band erschienen, Mütherich versprach Köhler die Vollendung seines Projektes. Mit einer niemals wankenden Beharrlichkeit hat sie über Jahrzehnte hinweg dieses Versprechen eingelöst. ... Schule für Schule hat sie die karolingische Buchmalerei nacheinander abgearbeitet. Der erste von ihr betreute Band erschien 1971, der letzte, der nur noch Nachträge enthält, 2013. 
Mütherich, so Sauerländer, sei jedoch nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine moralische Instanz. So habe sie in den 1940er Jahren den Werbungsversuchen ihres Lehrers Wilhelm Pinder, die Kunstgeschichte völkisch zu interpretieren, widerstanden. 

Weitere Informationen:

Westfälische Galeristen, Kuratoren und Kunsthistoriker