Freitag, 23. Oktober 2015

Westfalen heute, die Westfälischen Nachrichten und der Ranking-Stuss

Von Ralf Keuper

Nein, sie können und sie wollen es auch wohl nicht lassen - die Redakteure bzw. die Verantwortlichen von Westfalen heute. Wo immer eine Statistik oder ein Ranking mit Bezug zu Westfalen aufgegriffen und unkritisch weiter verbreitet werden kann, da ist Westfalen heute scheinbar gerne zur Stelle. 

So auch aktuell beim Ranking des Weltwirtschaftsinstituts HWWI, das ein Ranking zur ökonomischen Leistungsfähigkeit, demografische Entwicklungstendenzen sowie Standortfaktoren wie Bildung, Innovation, Internationalität und Erreichbarkeit erstellt hat. 

Bereits im Jahr 2010 meldeten Forscher erhebliche Zweifel an der Tauglichkeit von Städterankings an. Nicht nur bei Westfalen heute ist man davon scheinbar völlig unbeeindruckt. In der Vergangenheit hatten wir das Thema auf diesem Blog häufiger:
Zum Thema Ranking-Stuss an sich:
Der erwähnte Beitrag bezog sich in seiner Kritik an den Städterankings explizit auf das des privaten (!) Hamburger Weltwirtschaftsinstituts:
Die meisten Rankings fassen eine Vielzahl solcher linearer Faktoren zusammen. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut beispielsweise will mit seinem Ranking die Zukunftsfähigkeit der 30 größten Städte Deutschlands abbilden. Die Kriterien sind unter anderem Bildung, Internationalität, Bevölkerungswachstum, Entwicklung des Arbeitsmarktes und Produktivität. Internationalität setzt sich wiederum zusammen aus dem Anteil ausländischer Erwerbstätiger und ausländischer Studenten an der Gesamtbevölkerung, sowie den Übernachtungen ausländischer Touristen. Aus der Summe all dieser Faktoren errechnete das private Institut den ersten Platz für Frankfurt am Main, dicht gefolgt von München und Düsseldorf, den letzten Platz belegt Chemnitz. 
Hier setzt die Kritik von Luis Bettencourt an: "Städte sind mehr als die Summe ihrer individuellen Teile." Der Physiker vom Santa Fe Institut in New Mexico hält es für wenig sinnvoll, nur anhand einfacher Pro-Kopf-Messungen zu entscheiden, welche Stadt besser oder schlechter als eine andere ist. "Es gibt zwei Faktoren, die eine Stadt ausmachen: Ihre Größe und ihren ganz spezifischen Charakter", erklärt Bettencourt.
Großstädte hätten einen statistischen Vorteil gegenüber kleineren Städten. Denn dort, wo sich in kurzer Zeit viele Menschen ansiedeln, in sogenannten Agglomerationen, sei natürlicherweise die Infrastruktur besser, die Effizienz höher und neue Entwicklungen könnten sich schneller durchsetzen. Bettencourt konnte zeigen, dass viele Messfaktoren wie Kriminalität, Wohlstand oder Produktivität eben nicht linear mit einem Bevölkerungswachstum zunehmen: Jede Verdopplung der Einwohnerzahl steigert die Produktivität pro Kopf um etwa 15 Prozent, jeder Bewohner verdient im Schnitt rund 15 Prozent mehr Geld, ist zu 15 Prozent innovativer, hat aber auch eine 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden.
Ein weitestgehend mit öffentlichen Mitteln finanzierter Nachrichten- und Pressedienst hat die Pflicht und Schuldigkeit, Meldungen nicht einfach unkritisch zu verbreiten, sondern auf mögliche Defizite und Verzerrungen zu untersuchen. Anderenfalls ist das Zeit- und Geldverschwendung, so gut die Absichten auch sein mögen. 

Update:

Ähnlich unreflektiert wie Westfalen heute übernimmt auch die WN in Münster im Ranking. Nur im Mittelfeld das Ranking des HWWI. Da möchte man den Journalisten den Rat von Daniele Ganser zur Hand geben, die kürzlich in Witten die Studenten ermutigte, eigenständig zu beobachten und zu denken. Gewisse Mindeststandards sollten auch bei der WN gelten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen