Sonntag, 14. Juni 2015

"Stuhlmacher. Ein Haus - ein Name - Erinnerungen" von Bernd Haunfelder

Von Ralf Keuper

Wie kein anderes Haus ist Stuhlmacher in Münster über die Jahrzehnte zum Inbegriff westfälischer Gastlichkeit geworden. In seinem Buch Stuhlmacher. Ein Haus - ein Name - Erinnerungen lässt Bernd Haunfelder die Geschichte dieses traditionsreichen Gasthauses in Texten und Bildern Revue passieren. 

Bereits der Klappentext gibt einen Vorgeschmack:
Was wäre Münster ohne seine Gaststätten. Noch immer gilt, wer nie bei "Stuhlmacher" Bier trank, war in Münster nie Student. "Stuhlmacher" ist eben nicht nur eine "Kneipe", in der man hin und wieder vorbeischaut. "Stuhlmacher" ist der Inbegriff münsterscher Gastronomie-Kultur, für viele Stammtische eine Institution, für manche Gäste sogar eine zweite Heimat. Wer im Innern Platz nimmt, der spürt, dass dieses Haus Geschichte atmet, ein Stück gastronomischer Stadtgeschichte, und das in bemerkenswerter Vitalität und Unnachahmlichkeit. Der Autor erzählt anhand von reichhaltigem Bildmaterial die lebhafte Geschichte des berühmten Gasthauses nach, lässt Prominente zu Wort kommen und präsentiert Anekdoten rund um Bier und Geselligkeit. 
Dem wäre eigentlich nichts mehr hinzuzufügen; würde das Buch nicht mit weiteren wichtigen "Details" aufwarten. An Stuhlmacher muss Gerhard Nebel gedacht haben, als er in seiner kleinen Schrift Liebe auf den ersten Blick - Ein Besuch in Münster die Vorzüge münsterscher Gastlichkeit portraitierte

Die Geschichte des Hauses Stuhlmacher beginnt im Jahr 1890, als der damalige Besitzer, Gastwirt Bernhard Gunnemann, sein Haus an Louis Stuhlmacher aus Lippstadt veräußerte. Unter Louis Stuhlmacher, der bereits 1912 im Alter von 56 Jahren verstarb, wurde das Haus bereits eine angesagte Adresse in Münsters, wie man heute sagen würde, gastronomischer Szene. Seine Witwe Anna, über Jahrzehnte die gute Seele des Familienbetriebs und in Anekdoten und sogar einem Gemälde der Nachwelt überliefert, heiratete im Jahr 1914 Julius Feldhaus, mit dem zusammen sie den Gastbetrieb fortführte. 
Viel Wert legte das Ehepaar, und insbesondere Anna Feldhaus, auf die Inneneinrichtung. Lange vor dem Aufkommen der sog. Erlebnis-Gastronomie verstand sie es, das Haus mit einem "Flair" auszustatten, das seinesgleichen suchte. Ihr Eifer bzw. Geschick trug ihr den Beinamen "Brillanten Anna" oder "Königin von Saba" ein. Innenarchitektonische Meilensteine setzte das Paar mit dem Pilsener-, dem Wiedertäufer- und dem Lambertus-Zimmer. Bei der Gelegenheit schufen sie einen eigenen Stil münsterländischer Gaststätten-Architektur.

An der Ausgestaltung der Innenräume waren namhafte Münsteraner Künstler beteiligt, wie Bernard Bröker, der das Bild Die Lambertusfeier schuf, oder Theo Junglas, von dem Fahnenschlag am Guten Montag, Alte Stadtwache und Send stammten. Anton Kirschbaum schmiedete drei Deckenleuchter; ebenso Paul Mersmann, der den Lambertusleuchter schuf. Ein weiterer Künstler, der zum unverwechselbaren Stuhlmacher-Stil beitrug, war der Maler Fritz Grotemeyer mit seinem Bild Dämmerschoppen bei Stuhlmacher

Da die Ehe von Julius und Anna Feldhaus kinderlos blieb, beschloss das Paar, ihren Neffen Franz, der zu dem Zeitpunkt in Bettinghausen im Kreis Soest lebte, zu adoptieren. 

Der tiefste Einschnitt in der Geschichte des Hauses Stuhlmacher war, wie für viele andere Familienbetriebe auch, die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Wegen ihrer, für den Geschmack der damaligen Machthaber, zu bürgerlichen Gesinnung, musste die Familie Stuhlmacher den Betrieb abgeben. Im Bombenhagel des zweiten Weltkrieges ging das Haus Stuhlmacher, wie der gesamte Prinzipalmarkt, buchstäblich unter. Am 22. Oktober 1948 öffnete das Haus erneut seine Türen. Seit dieser Zeit lenkte Franz Feldhaus die Geschicke des Familienbetriebes. Jedoch blieb der komplette Wiederaufbau bis in die 1980er Jahre unvollendet. Entgegen dem Wunsch der Familie Feldhaus, die die Fassade des Hauses mit Ziegeln und Sandsteinelementen in seinen ursprünglichen, aus dem Jahr 1868 stammenden Zustand, bringen wollte, lehnte die Stadtverwaltung das Vorhaben mit dem Verweis auf die Ortssatzung ab, die nur Sandstein bzw. sandsteinfarbenen Putz gestattete. 

Am 10. Juni 1990 feierte das Haus Stuhlmacher sein 100jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass reiste mit dem Vorstand des langjährigen Geschäftspartners Hacker-Pschorr aus München auch ein Oktoberfest-Viererzug an. 

Zum Jubliäum gaben sich auch zahlreiche prominente Gäste aus Wirtschaft und Politik die Ehre, darunter der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer, der eine launige Rede hielt. Auch sonst war bzw. ist das Haus Stuhlmacher beliebter, diskreter Treffpunkt führender Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Leben, weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Diesen Status teilte Stuhlmacher über Jahrzehnte mit einer weiteren Institution der Münsteraner Gastronomie, dem Haus Schucan, das gleich gegenüber lag. In seinem Vorwort kann Wolfgang Weikert sein tiefes Bedauern über den Verlust des Hauses Schucan nicht verbergen:
Nach der höchst bedauerlichen Schließung des legendären Schucan bietet sich nunmehr nur noch bei "Stuhls" die Gelegenheit, die besondere Atmosphäre Münsters zu genießen. ... So erhebe ich, nicht ganz selbstlos, mein frisches "Hacker Pschorr" und sage "Prost", auf dass uns niemand den Hahn abdrehe und das Trauma der Schucan-Schließung sich hier nicht wiederhole.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen