Samstag, 12. April 2014

"Im Land der großen Kaffeekannen" von Kerstin Ullrich

Von Ralf Keuper

Der Münsteraner Stadtteil Handorf trägt bei vielen Einheimischen noch heute den Beinamen "Dorf der großen Kaffeekannen". Um Münster herum hatte sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine , wie man heute sagen würde, Szene aus zahlreichen Kaffeehäusern und Ausflugslokalen entwickelt, die auch heute noch das Bild der Region um Münster prägt. Zusammen bilden sie das "Land der großen Kaffeekannen". 

Bilder, Annoncen und Postkarten, der damals angesagten Lokale geben dem Leser einen optischen Eindruck. 
Eine Schlüsselstellung hatte die Werse und mir ihr die ersten Rudervereine. Sinnbildlich dafür ist heute die Pleister Mühle, ein nach wie vor beliebtes Ausflugslokal. Wohl nirgendwo sonst in Münster als in der Gegend um Handorf hat sich die Kaffeehauskultur bis heute erhalten: 
Unzählige und bis auf wenige Ausnahmen auch heute noch bestehende Kaffeehäuser säumten das Werseufer. Über die Jahre und mit immer weiter zunehmendem Besucherstrom entstanden Kaffeeterassen von wahrhaft enormen Ausmaßen. Fast jedes Haus verlieh auch mehr oder weniger fahrtüchtige Kähne, mit denen die Familie auf der Werse herumrudern konnten. Zwischen 1883 und 1896 waren die Ausflügler für eine Fahrt auf der Werse aber nicht auf ihre Muskelkraft angewiesen. In jenen Jahren verkehrte nämlich, so unglaublich es dem heutigen Zeitgenossen erscheinen mag, zwischen Pleister- und Sudmühle ein kleines Dampfschiff, welches Passagiere beförderte. Die >Werse-Dampf-Schiff-Fahrt< musste ihren Betrieb Ende des vorigen Jahrhunderts einstellen, da die Rentabilität nachließ und sich Klagen wegen abgeschwemmter Ufer häuften. ...

Erst Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre wurden Radtouren wieder populär und die traditionsreichen Kaffeewirtschaften um die Stadt neu entdeckt. Wer an einem sonnigen Wochenende an der Werse entlangspaziert, kann sehen, dass sich die Entwicklung bis heute ungebrochen fortsetzt. Die Kaffeehäuser mit ihren gemütlichen Gärten erleben seit Jahren eine Renaissance. (ebd.)
Vielleicht nicht ganz unwichtig bei der Gelegenheit ist der Hinweis, dass die Kaffeehäuser als Geburtsstätte der modernen Medien gelten. Für Jürgen Habermas stehen sie für den Beginn eines Strukturwandels der Öffentlichkeit, ja überhaupt für die Öffentlichkeit, wie wir sie kennen.
In letzter Zeit betonen mehrere Autoren, wie Stephen Johnson, die Bedeutung der Kaffeehauskultur für die Entstehung von Innovationen. Die Rede ist dabei auch von "Ideenräumen". Heute sind wesentliche Teile der Kaffeehauskultur auf das Internet mit seinen sozialen Netzwerken übergegangen. Andererseits bleiben Kaffeehäuser als physischer Ort wichtig. Berlin bezieht seine Attraktivität als bevorzugter Standort für Startups nicht zuletzt auch wegen seiner hohen Dichte an Cafes, Lokalen, Clubs und Bars. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen